Dug enjoys the view from top of Mount Arrowsmith.

Wenn der Blick vom Berg den Atem raubt

Ich gebe zu: Wandern gehörte bis jetzt nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Die Wahnsinns-Aussicht von Mount Arrowsmith über Vancouver Island wollte ich mir aber nicht entgehen lassen. Da keine Seilbahn hinauf geht, gab es keinen anderen Weg als den durch Wald und über Felsen bis zum Gipfel zu klettern. Zum Glück gab’s einen Wanderpartner – und Motivator.

Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, als sich die Bäume lichteten, weicher Waldboden zu schroffem Felsgestein wurde und über den Baumwipfeln endlich der Blick auf die umliegenden, wolkenverhangenen Berge frei wurde. Wir blickten auf sattes Waldgrün an den Hängen, während erste Sonnenstrahlen den Weg durch den Dunst fanden. Der perfekte Platz für ein Picknick mit selbstgebackenem Brot und herzhaften Muffins.

Natur pur auf Mount Arrowsmith.
Natur pur auf Mount Arrowsmith.

Etwa zwei Stunden zuvor waren wir – Inselbewohner und Wanderpartner Dug und ich – vom Parkplatz aus losgegangen. Und ich war froh, dass ich mir für die Besteigung des 1.819 Meter hohen Berges eine Begleitung gesucht hatte. Vor allem aus Sicherheitsgründen – man weiß ja nie, ob man nicht doch einem Bären begegnet, sich den Fuß verstaucht oder sich gar verläuft. Google Maps hilft auf so einem Berg ja nur bedingt weiter. 😉

Picknick über der Baumgrenze - das finden auch die Vögel super.
Picknick über der Baumgrenze – das finden auch die Vögel super.

Spätestens während wir beim Mittagspicknick saßen, kleine Vögel auf unseren Köpfen und Händen landeten, weil sie es auf das Essen abgesehen hatten, wurde uns klar: Unsere Recherche bezüglich des Aufstiegs war ein wenig oberflächlich. Sonst hätten wir gewusst, dass die Wanderung nicht ein paar Stunden dauert, sondern fast einen ganzen Tag und dass es überwiegend steil – also, richtig steil und über felsigen Grund – bergauf geht.

Wanderpartner finden
Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sicher für eine andere Wanderstrecke plädiert. Dug und ich hatten uns schließlich erst am Morgen kennengelernt. Inspiriert von Reisenden wie Jonas Grünanger oder Anthony Botta habe ich via Tinder nach Menschen gesucht, die mit mir über die Insel wandern. Durch Deutschland, Europa und um die Welt haben Grünanger und Botta die Dating-App genutzt, um Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. Quasi wie Couchsurfing. Dabei ging es ihnen ausdrücklich nicht um „das Eine“. Was für die beiden funktioniert, sollte bei mir doch auch klappen, dachte ich, setzte mein Profil auf (in etwa so: Reise gerade um die Welt. Bin auf der Insel von X bis Y. Suche Einheimische, die mir die Gegend zeigen. Nicht mehr!) Und siehe da: Dug ist leidenschaftlicher Wanderer (wie der überwiegende Teil der Kanadier – was soll man auch sonst machen bei so viel Natur?) und ist mehrfach wöchentlich in den Wäldern und auf den Bergen seiner Heimat unterwegs.

Ist natürlich ein Risiko: Wenn man sich nun so gar nicht mit einem neuen Wanderpartner versteht, man dann irgendwo auf einem Berg steht und weiß, dass man entweder alleine zurücklaufen oder noch mindestens den Weg bis ins Tal gemeinsam zurücklegen muss… War zum Glück nicht so. Im Gegenteil. Es war, wie einen guten alten Freund wiederzutreffen.

Platte Füße, müde Beine
Aber zurück zum Berg. Dug kannte die ungefähre Richtung, in die wir aufsteigen mussten. Sehen konnten wir den Gipfel von Mount Arrowsmith aber nicht. Der war von Wolken verhangen. Die Aussicht war dennoch – ich kann es nicht anders sagen – atemberaubend: kleine Bäche, die sich ihren Weg über die Felsen bahnten, ein wenig Schnee, kleine, blühende Pflanzen, die aus dem Gestein wuchsen, diverse Tannenarten, deren Wipfel im leichten Wind wiegten.

Der Beweis: Es war echt steil auf dem Weg zum Gipfel von Mount Arrowsmith.
Der Beweis: Es war echt steil auf dem Weg zum Gipfel von Mount Arrowsmith.

Irgendwann wurde es Nachmittag. Schon einige Stunden waren wir unterwegs. Wir mussten uns entscheiden: Wagen wir den Weg bis zum Gipfel? Schließlich mussten wir den ganzen Weg auch wieder zurücklaufen – und bestenfalls unten ankommen, so lange es noch hell war. „Es ist nicht mehr weit“, versicherten Wanderer, die uns entgegenkamen. Nach den vielen Stunden Aufstieg fühlten sich meine Beine an wie Pudding. Aber: Dank Willenskraft und Dugs Motivation haben wir es bis zum Gipfel geschafft. Und es war die Anstrengung so, so wert. Als wir oben ankamen, hatten sich die letzten Wolken gerade verzogen und gaben den Blick auf die vielen umliegenden Seen, das Meer und die hügeligen und grünen Inseln frei. Was. Ein. Anblick.

Pünktlich zum Sonnenuntergang am Abend waren wir zurück am Auto. Noch nie zuvor in meinem Leben war ich so K.O., erschöpft, erledigt, fix und fertig mit platten Füßen und müden Beinen. Aber Wahnsinns-Spaß hat’s gemacht – und einen kleinen Wanderfunken in mir entfacht. Und, nunja, ein paar andere Funken sind da auch geflogen auf dem Berg. 😉

Was ein Ausblick vom Gipfel von Mount Arrowsmith.
Was ein Ausblick vom Gipfel von Mount Arrowsmith.
Yay! Geschafft!
Yay! Geschafft!
Langsam geht die Sonne unter. Zeit für den Abstieg.
Langsam geht die Sonne unter. Zeit für den Abstieg.

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