In the Dome Car, the wagon with the glass roof, travelers have an amazing view.

The Canadian – Ein Zug ruckelt quer durch Kanada

Eigentlich sollte der VIA-Zug nur einen Zweck vollbringen: mich von Toronto nach Saskatoon bringen. Zweieinhalb Tage dauerte die Reise. Beide Tage habe ich damit verbracht, im schaukelnden Zug aus dem Fenster zu sehen, um ja nichts von der traumhaften Landschaft zu verpassen. Fear of missing out mal anders. Und in meinen Mitreisenden habe ich Freunde fürs Leben gefunden.


„Ich möchte ganz Kanada sehen, nicht nur die Hälfte.“ Kurze Pause. Der Blick der Mittsechzigerin mir gegenüber wanderte von der Außenwand der Duschen auf der einen Seite zum Fenster auf der anderen. „Das geht gar nicht. Ich geh‘ mich beschweren. Wo ist die Lady?“ Ärgerliches Herumgerutsche auf dem Sitz. „Und diese lauten Kinder. Wie soll ich denn da schlafen.“ Sie verzog das Gesicht. „Oh, haha, Du musst denken, dass ich eine ‚grumpy Bitch‘ bin.“ Ein müdes Lächeln meinerseits. Bejaht habe ich diese Frage nicht, aber ein lautes Ja gedacht und mit einem Augenrollen quittiert, nachdem die Dame dann tatsächlich abdampfte, um ihren Frust loszuwerden. Nikki, so heißt die wutschnaubende Seniorin, sollte eigentlich meine Bettnachbarin sein im Zug von Toronto nach Saskatoon. Welch ein Desaster, dachte ich, wenn ich gut zwei Tage lang mit dieser dauerjammernden Schreckschraube verbringen muss. Musste ich nicht, denn Nikki bekam einen neuen Schlafplatz mit Aussicht zu beiden Seiten. Habe ich aber trotzdem. Denn sie war eine von vielen wundervollen Menschen, die ich auf der Fahrt durch halb Kanada kennenlernen durfte.

Es gibt einige Möglichkeiten, durch Kanada zu reisen. Ich habe mich für die bei weitem langsamste Variante entschieden. Aber vermutlich auch die schönste. Der VIA-Zug auf der Strecke Toronto-Vancouver nennt sich „The Canadian“, fährt die Strecke seit 1955 und braucht vier Tage und vier Nächte für die 4.466 Kilometer Strecke durch die traumhafte kanadische Landschaft. Was für mich Mittel zum Zweck war, nämlich von Toronto nach Saskatoon in der Nähe meiner nächsten Station als WWOOFer zu kommen, wurde zu einem der besten Dinge, die ich je gemacht habe.

Landschaft wie im Bilderbuch

Schäfchenwolken spiegeln sich im Wasser.
Schäfchenwolken spiegeln sich im Wasser.

Pünktlich um 9.45 Uhr an diesem Sonntagmorgen Ende Juni setzte sich der silbern glänzende Zug in der Union Station, Toronto, in Bewegung. Ruckelnd und quietschend bahnte er sich seinen Weg aus der kanadischen Metropole in Richtung Nord-West. Endlich habe ich Zeit zum Schreiben, Lesen, Fotos bearbeiten dachte ich, denn die Fahrt zu meinem Zielort dauert gut zwei Tage. Nun, Pustekuchen. Geschrieben habe ich keine Zeile, den eReader nicht einmal aus der Tasche geholt. Denn gleich zu Beginn habe ich die letzte Sitzreihe im Dome-Car mit seinem Glasdach als meinen Lieblingsplatz ausgemacht. Die Aussicht von hier: atemberaubend. Stundenlange zuckelten wir an grünen Birkenwäldern, klaren Flüssen und glasklaren Seen vorbei, in denen sich Bäume und Schäfchenwolken spiegelten. Eine Landschaft wie im Bilderbuch. Etwas anderes zu machen als aus dem Fenster zu gucken war kaum möglich. Quasi „fear of missing out“ mal anders.

Dabei gab es noch so viel anderes zu entdecken an Bord des Canadian. Musiker sorgten für Unterhaltung, es gab kurze Vorträge über die Vegetation oder Tierwelt der Region, Wein- und Bierproben sowie Filme. Und nicht zuletzt waren da die vielen Mitreisenden – jeder für sich eine spannende Persönlichkeit. Nikki zum Beispiel, die zunächst grantige Bettnachbarin, die schon mehrfach mit dem Canadian quer durchs Land gereist ist – diesmal auf dem Weg nach Seattle, wo sie ihren Sohn besuchen wollte. Oder Ben, Mitte 20 und angehender Schauspieler, Sänger und Tänzer. Und Derik, dessen Eltern deutschen Ursprungs sind und der lange im Marketing gearbeitet hat. Ich stelle diese drei heraus, weil wir uns unterwegs gefunden haben. Von Beginn an hatten wir eine ganz besondere Verbindung. So besonders, dass Mitreisende dachten, wir würden uns seit Jahren kennen und seien gemeinsam im Zug unterwegs.

Beim Duschen ist Gleichgewicht gefragt

Am ersten Abend war ich froh, dass ich mich entschieden hatte, ein wenig mehr für das Zugticket auszugeben. Während wir beim Abendessen saßen, bauten die Zugmitarbeiter unsere Sitzbänke in Betten um. Saugemütlich. Echt jetzt. Sanft in den Schlaf geschaukelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis. Nicht mehr ganz so sanft war das Schaukeln am nächsten Morgen. Schonmal versucht, unfallfrei in einer wackelnden Dusche zu duschen? Oder schaukelnd Tee von der Kanne in eine Tasse zu füllen? 12

Im Laufe des Frühstücks veränderte sich die Landschaft draußen. Das Grün wurde weniger, die Gegend felsiger, und der Zug fuhr oft sehr nah am Gestein vorbei – oder eben auch nicht. Immer wieder und lange standen wir auf einer Stelle, mussten einen der vielen gefühlt endlos langen Frachtzüge passieren lassen. Die Strecke ist überwiegend nur eingleisig befahrbar, VIA ist nur Gast auf den Schienen, Frachtzüge bringen mehr Geld ein und haben deshalb Vorfahrt auf den Gleisen. Uns Reisenden machte das aber gar nichts. So hatten wir schließlich mehr von der Fahrt.

Canada Day im Canadian-Zug

Rot und Weiß sind die Farben am Canada Day in Winnipeg.
Rot und Weiß sind die Farben am Canada Day in Winnipeg.

Der zweite Reisetag war ein besonderer in Kanada. Das Land feierte seinen Geburtstag. Deshalb gab es im Zug Kuchen und Sekt für alle. Und als wir am Abend in Winnipeg ankamen, konnten wir auch dort mitfeiern. Wir hatten eine gute Stunde Aufenthalt, konnten ein wenig am Fluss entlangspazieren und uns unter die Menschenmassen mischen, die kanadisch rot-weiß gekleidet vor einer großen Bühne standen und Bands zuhörten. Manch ein Mitreisender verbrachte die Wartezeit allerdings lieber in der Ankunftshalle. Hier gab’s zum ersten Mal seit der Abfahrt Wlan. (Ich gebe zu: Auch ich habe es zumindest kurz genutzt, um meinen Freunden in der Heimat ein Lebenszeichen zu senden.)

Nachdem sich der Zug nach Sonnenuntergang wieder in Bewegung setzte, konnten wir über die Weiten der kanadischen Prärie die vielen Feuerwerke anlässlich des Nationalfeiertags ansehen. Den Höhepunkt gab es jedoch nach Mitternacht. Durch die Glasfenster des Dome-Car verfolgten wir ein Gewitter, dessen Blitze über den ganzen Himmel zuckten. Ein Wahnsinns-Spektakel.

Aber auch die schönste Reise hat einmal ein Ende. So war die Stimmung am nächsten und für mich letzten Morgen im Zug getrübt. Während Nikki, Derik und Ben mit dem Zug weiter bis nach Vancouver fuhren, stieg ich in Saskatoon aus. Ein trauriger Abschied – auch vom Zug. Die Fahrt mit dem Canadian war ein einzigartiges Erlebnis und so besonders, dass ich schon beim Aussteigen entschieden habe, entgegen der ursprünglichen Pläne auch den Rest der Strecke gen Westen mit dem Zug zurückzulegen. Um es mit Nikkis Worten zu sagen: „Ich möchte ganz Kanada sehen, nicht nur die Hälfte.“

Tipp:
Wer etwa vier Wochen vor der Abreise bucht, kann von sogenannten Sleeper Plus Class Deals profitieren. Es gelten die regulären Konditionen (Essen und Gepäck gemäß den Richtlinien inklusive), aber zu deutlich vergünstigten Preisen. www.viarail.ca

Danke
Nikki, Derik und Ben für die wundervolle Zeit, offene Gespräche, Bauchweh vor Lachen und Eure Freundschaft. Susan, die mir die gemeinsame Taxifahrt vom Bahnhof Mitten im Nirgendwo in die Stadt finanziert hat.

Union Station, Toronto: Von hier aus startet der Canadian gen Westen.
Union Station, Toronto: Von hier aus startet der Canadian gen Westen.
Überwiegend langsam und ruckelnd fährt der silbern glänzende Zug durchs Land.
Überwiegend langsam und ruckelnd fährt der silbern glänzende Zug durchs Land.
Sonnenuntergang über dem Canadian.
Sonnenuntergang über dem Canadian.
Eine Landschaft wie gemalt - hier auf der Durchreise durch die Provinz Ontario.
Eine Landschaft wie gemalt – hier auf der Durchreise durch die Provinz Ontario.
Tagsüber Sitzbänke, nachts Betten.
Tagsüber Sitzbänke, nachts Betten.
Arbeiten im Zug? Keine Chance. Ich konnte den Blick kaum abwenden von der traumhaften Natur.
Arbeiten im Zug? Keine Chance. Ich konnte den Blick kaum abwenden von der traumhaften Natur.

4 thoughts on “The Canadian – Ein Zug ruckelt quer durch Kanada

  1. Liebe Sonja, das sind so schöne Eindrücke! Ich lese dich so gerne und hätte am liebsten ein ganzes Buch voll von den wunderbaren Bildern und deinen Worten! …(vielleicht ein nächstes Projekt ?) eine schöne Zeit weiterhin! GLG Johanna

  2. Liebe Sonja, das klingt ganz traumhaft und ich kann mir sehr gut vorstellen, diese Zugfahrt quer durch Kanada auch mal zu machen. Zu Details frage ich dich einfach irgendwann nach deiner Rückkehr aus 🙂 Eine tolle Reise noch und ganz liebe Grüße!

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