Hands, clothes, everything smells of sheep. Wonderful.

Schafe melken ist pures Glück

Drei Wochen leben und lernen auf einer Schaf-Farm – auf meine zweite Station als Wwoofer hatte ich mich besonders gefreut. Lämmer knuddeln, melken, Schafskäse machen stand unter anderem auf dem Plan. Farmleben, wie es im Buche steht. Und dennoch musste ich den Bauernhof deutlich früher verlassen als geplant – aus Selbstschutz.

Schafe melken geht ungefähr so: Zunächst die Schulter in den wolligen Po von Mutterschaf eins drücken. Das hindert sie daran, die Melkbox rückwärts zu verlassen (was sie überaus gerne tun würde). Gleichzeitig greift man zu den beiden Schläuchen samt Melkvorrichtung. Aufgrund der eigenen Kopfposition – der befindet sich rechts neben dem Wollpopo – löst man blind den Saugmechanismus der Melkmaschine aus und friemelt die beiden Schaf-Zitzen mit den Daumen vorsichtig in den Melkbecher. Der saugt die Milch zum Glück automatisch. Damit sie jedoch fließt, ist eine Eutermassage angesagt. Das imitiert die Lämmer, die beim Trinken üblicherweise mit ihren Nasen wie wild in den Euter boxen, um den Milchfluss anzuregen. Zwei Liter Milch (und einiges an Nerven meinerseits) später ist das erste Schaf fertig gemolken. Für mich ein pures Gefühl des Glücks.

Schafe füttern, melken, knuddeln

Hände, Kleidung, alles riecht nach Schaf. Ich finde den Geruch ja super.
Hände, Kleidung, alles riecht nach Schaf. Mega schön.

Ich finde Schafe ja unglaublich niedlich. Wie sie so dastehen mit ihren lustigen Ohren, großen Augen und ein wenig treudoof schauen. Ich find’s knuffig. Deshalb habe ich mich besonders auf meine zweite Wwoof-Station im platten Land Albertas gefreut. Meine Gastgeber: Ein Ehepaar Anfang 40 mit achtjährigen Zwillingen, Hund, einigen Katzen. Er betreibt eine riesige Rinderfarm, sie hat einen kleinen Käseladen, in dem sie selbstgemachten Schafskäse verkauft. Instagram zeigt eine Bilderbuchfamilie. Die Vorfreude war also groß.

Täglich zweimal habe ich gummibestiefelt und den Schal zum Schutz vor der Sonne um den Kopf gebunden auf dem Feld gestanden und gemeinsam mit der Mutter und den beiden Zwillingen die Tiere gefüttert, Lämmer geknuddelt und Schafe gemolken. Das alles in traumhafter Kulisse auf einem weiten Feld. Und aus der selbst gemolkenen Milch haben wir Schafskäse hergestellt. Ein langwieriger Prozess, denn beim Käsemachen kommt es vor allem darauf an, wie lange und bei welcher Temperatur sich der Käse-to-be im Herstellungsprozess befinden muss. Dazu gibt’s ganze Bücher, deshalb möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen. Aber auch sonst kann ich nicht viel über den Bauernhof an sich berichten. Ich habe ihn schon nach einer Woche wieder verlassen. Zwei Wochen früher als geplant.

Schreiende Mutter, weinende Kinder

Wwoof bedeutet für mich nicht nur Erfahrungen sammeln und Neues lernen, sondern ich darf auch immer Gast in einer Familie sein. Das beinhaltet gegenseitigen Austausch, voneinander lernen, miteinander leben in allen Facetten. Letzteres war für mich in dieser Familie schmerzhaft. Kinder, die nichts schnell genug und nichts richtig machen können wenngleich sie sich noch so viel Mühe geben. Kinder, die permanent angebrüllt werden, einem aggressiven Tonfall ausgesetzt sind, die kaum beachtet werden, weil für die Mutter das Handy und das Schaffen einer perfekten Farm- und Familienwelt auf Instagram wichtiger erschien. Das hat mich bedrückt und hilflos zurückgelassen. So sehr, dass ich selbst die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, als die Unkraut zupfende Achtjährige neben mir im Blumenbeet still und verzweifelt vor sich hin weinte.

Gleich am ersten Abend hatte mir die Mutter bei einem Glas Wein offenbart, dass sie für ihr Leben gerne reist, auf Farmen im Süden Europas gewwooft hat, um über die Käseherstellung zu lernen, eigentlich aber nie Kinder wollte. Sie wollte vielmehr weiter reisen, auch alleine, was ihr Mann jedoch nicht unterstützt, wie sie sagte. Ganz offensichtlich lebt diese Frau nicht das Leben, das sie sich vorgestellt hat. Das birgt selbstverständlich Potenzial für Aggression und Unzufriedenheit, wenn ich hier mal so küchenpsychologisch daherschreiben darf.

Den Vater, der übrigens viel Verständnis für die Kinder – und auch seine Frau – aufgebracht hat, habe ich kaum gesehen. Zu viel arbeit, früh und spät – Landwirtschaft ist eben wetterabhängig. Er hatte mich bereits am ersten Tag darauf aufmerksam gemacht, dass es bei der Familienmutter des Öfteren laut wird, sich dies aber entweder gegen die Kinder oder ihn richten würde, nie gegen mich. Dies stellte sich als zutreffend heraus. Mir gegenüber war die Mutter immer freundlich, immer interessiert und bereit, ihr Wissen zu teilen, was ich sehr zu schätzen weiß. Dennoch lässt diese vorsorgliche Entschuldigung des Familienvaters tief blicken, wie ich finde.

Mir stockt der Atem

Als kinderlose möchte hier nicht urteilen. Es ist jedem selbst überlassen, wie er seine Kinder erzieht und wie er sein Familienleben gestaltet. Ich finde, das ist nichts, worin sich eine außenstehende Person einmischen sollte. Die kalte Atmosphäre in der Familie hat mich persönlich jedoch sehr belastet, hat mich körperlich erstarren lassen. Und selbst während ich dies schreibe, merke ich, wie mir der Atem stockt.

Ich frage mich, ob ich etwas für die Kinder hätte tun können, außer ihnen mit meiner eigenen Güte zu begegnen. Ich frage mich, ob ich eine externe Stelle hätte informieren müssen. Ich habe beschlossen, dies nicht zu tun. Es gab liebevolle Momente, und zumindest der Familienvater und die Großmutter waren verständnisvoll für die Kinder da. Ich hoffe einfach, dass sie hier hier ein gutes Fundament bekommen. Vielleicht habe ich aber auch in der Mutter etwas bewirken können. Die Frage, warum ich frühzeitig abreise, hat sie sich selbst beantwortet. “Ist es, weil ich die Kinder so viel anschreie?” Und auch das lässt tief blicken. Vielleicht ist es aber auch nur meine eigene Geschichte, die mich hier so sensibel reagieren lässt.

So habe ich diese zweite Station früh wieder verlassen. Wirklich schade, denn der Umgang mit den Schafen hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. So viel, dass ich mir vorstellen kann, nach dem Ende meiner Reise auf einer kleinen Schaffarm auszuhelfen. Ich habe in dieser einen Woche viel gelernt – fachlich, aber auch persönlich. Schafe melken, Schafe auf die Seite flippen, um ihnen die Hufe zu schneiden, Schafen Medikamente geben, Käse machen. Und nicht zuletzt hat mich diese Woche darin bestätigt, dass es sinnfrei ist, nur deshalb Kinder zu bekommen, weil es große Teile unserer Gesellschaft als Aufgabe von Frauen und Sinn des Lebens ansehen. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Lebensentwürfe. Und die gilt es zu respektieren. In diesem Fall zum Wohl der Kinder.

Wie ich eine neue Bleibe gefunden habe und welch unglaubliches Glück ich dabei hatte, berichte ich im nächsten Beitrag.

Das Gute an der flachen Prärie ist, dass man immer schon Stunden im Vorfeld sehen kann, ob aus der Ferne ein Gewitter heranrückt.
Das Gute an der flachen Prärie ist, dass man immer schon Stunden im Vorfeld sehen kann, ob aus der Ferne ein Gewitter heranrückt.
Abendstimmung und Lämmer im Galopp.
Abendstimmung und Lämmer im Galopp.

 

Ran an den Euter: Beim Melken ist Handarbeit angesagt.
Ran an den Euter: Beim Melken ist Handarbeit angesagt.

One thought on “Schafe melken ist pures Glück

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