Rishikesh immer im Herzen

„Ich spüre Indien gerade so sehr“, schrieb eine Freundin neulich. Sie habe Rishikesh-weh, erzählte eine andere. Und ich kann beide so gut verstehen. Rishikesh, die Geburtsstadt des Yoga an den Ufern von Mother Ganga. Rishikesh, das mir, wann immer ich es auf Fotos sehe, Gänsehautschauer den Rücken auf und ab, wundervolle Erinnerungen in den Kopf und Tränen in die Augen jagt. Rishikesh, in dem all die Puzzleteile, die ich unwissentlich gesammelt hatte, plötzlich ein Bild ergaben.

Rishikesh. Ein Konzert aus hupenden Autos, muhenden Kühen und schreienden Affen, die Menschen frisch gekaufte Papayas klauen. Ein blau-türkiser Fluss, Mother Ganga, die – in der Nähe des Himalayas noch ganz jung – rauschend durchs Tal fließt. Tausende Menschen in schmalen Gassen, die weiß gekleidet und mit vor Glückseligkeit strahlenden Gesichtern durch die Straßen rennen, sich gegenseitig mit bunten Farben und Wasser bewerfen – ausgelassen wie das sonst nur kleine Kinder tun. Eine riesige Halle, in der an die tausend Menschen gleichzeitig aus vollem Herzen „Om“ chanten, gemeinsam Mantras singen, tanzen, meditieren und das Gefühl haben, die ganze Welt müsse mitvibrieren.

Shoppingtour.
Shoppingtour.

Rishikesh. Krachende Gewitter, die zwischen den Bergen hallen und Sonnenuntergänge, die den Himmel in dunstige Orange- und Rottöne tauchen. Menschenmengen, die jeden Abend am Ufer des Ganges zusammenkommen, das Licht und das Ende des Tages feiern und Shiva danken. Kinder, die mit Stöcken und Steinen auf den lehmigen Straßen spielen. Kühe in Gassen, die so schmal sind, dass man als Fußgänger nicht vorbeikommt, ohne die Tiere am Hinterteil aus dem Weg zu schieben. Bunte Tücher und glitzernde Pailletten, die vor Geschäften entlang kleiner Räucherstäbchen-bedufteter Einkaufsstraßen hängen, durch die das Gayatri-Mantra aus Lautsprechern hallt. Männer, die am Straßenrand frischen Chai-Tee aufbrühen, Frauen, die Mala-Ketten verkaufen und weißbärtige Sadhus, die in ihren orangen Gewändern am Straßenrand sitzen. Touristen, die selig lächelnd und in weiter Kleidung durch die Straßen gehen, hier und da verschreckt einem laut hupenden Motorradfahrer ausweichen und nicht entscheiden können, welchen der fein gewebten Schals sie denn nun als Erinnerung mit nach Hause nehmen sollen. Eine Yoga-Schule neben der nächsten. Der Geruch nach exotischen Gewürzen, der sich mit dem von Abwasser mischt. Ruhe, Chaos, alles wird eins.

Kuh in Gasse. Wer hier vorbei will, muss den Wiederkäuer am Hinterteil wegschieben.
Kuh in Gasse. Wer hier vorbei will, muss den Wiederkäuer am Hinterteil aus dem Weg schieben.

Das ist Rishikesh. Oder vielmehr: Das ist ein winziger Teil dieser wundervollen, magischen, spirituellen Stadt im Norden Indiens. Rishikesh ist so viel. Zu viel, um es in Worte zu fassen, und zu vieles, für das es gar keine Worte gibt. Mein gedankliches Happy Place, das mich durch trist-trübe Corona-Winter-Tage rettet.

Es ist fast ein Jahr her, dass ich nach verpasstem Flug, beängstigend wilder Taxifahrt und völlig übermüdet in Rishikesh ankam – in einer stockfinsteren Gegend etwas oberhalb der Stadt. Es war – mal wieder, wie ich später lernen sollten – der Strom ausgefallen. Eigentlich war ich nur dorthin gereist, um meine Yogalehrer-Ausbildung zu absolvieren – bei Surinder Singh – einem der bekanntesten, beliebtesten und besten Yogalehrer in Rishikesh. Was ich bekam, war so viel mehr.

Ich war zu einer Zeit in Rishikesh, zu der sich viele weltbekannte spirituelle Lehrer in der Stadt aufhielten und zum Satsang einluden. Mit John de Ruiter, zu dem ich bis heute keine Meinung habe, durfte ich am Mittagstisch sitzen. Mooji, der allein durch seine Anwesenheit eine riesige Halle voller Menschen in Zustände der Glückseligkeit versetzt, hat mir durch seine Lehren und Geschichten in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und mit jeder beantworteten Frage fünf weitere aufgeworfen. Und dann war da noch Shanti Mayi, die während ihres Satsangs resolut aufsprang, um die Bauarbeiter im Hintergrund zur Ruhe zu ermahnen. Ich war plötzlich mittendrin in einer Welt, von der ich weder wusste, dass sie gab, noch, dass ich sie gesucht hatte. (Das Video oben führt zu meinem allerliebsten Mooji-Moment. Gerade gestern haben ich entdeckt, dass ich ihn in diesem Video mit euch teilen kann. )

Ich verbrachte schlaflose Nächte in meinem Hostel – weil meine Gedanken genauso laut waren wie Gewitter und Regen, die mit einer unfassbaren Macht durch die Berge krachten – und verbrachte den Tag mit Satsang, Chai Tee und Ayurveda Massagen in der Stadt.

Surinder Singh (links) ist einer der bekanntesten und beliebtesten Yogalehrer in Rishikesh.

Wenige Tage später zog ich ein in die Swasti Yogashala. Der Beginn von vier Wochen Yogalehrer-Ausbildung, an deren Ende des zweiten Tages ich vor Muskelkater nicht wusste, wie ich 26 weitere durchhalten sollte – und deren letzter Tag pandemiebedingt früher kam als erwartet.

Rishikesh. Ohne zu zögern kann ich sagen: Knapp fünf Wochen an diesem Ort haben mich geprägt wie nichts zuvor. Vieles, was ich in den vorhergehenden Jahren scheinbar zusammenhanglos erlebt hatte, fügte sich hier plötzlich zusammen. Vieles, das mich als Vermutungen und Glauben begleitet hatte, bildete den Beginn eines neuen Weges auf meiner inneren Reise.

Fröhliche Gesichter während des bunten Holi Festivals in den Straßen von Rishikesh.
Fröhliche Gesichter während des bunten Holi Festivals in den Straßen von Rishikesh.

Rishikesh. Das sind viele Stunde mit wundervollen Lehrern und Mitschülern, meiner Yogafamilie. Das ist der Ort, an dem Freude und Leid, Dankbarkeit und Verzweiflung, Lärm und Stille für mich ganz nah beieinander lagen. Rishikesh. Man sagt, wer einmal dort war, kehrt immer wieder zurück. Ich möchte das bestätigen. Bald.

 

Vikram, Vimal, glückliche, neue Yogalehrerin, Surinder und Deepa.
Vikram, Vimal, glückliche, neue Yogalehrerin, Surinder und Deepa.

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