Palinya ist Novize in Wat Chedi Luang, Chiang Mai.

„Menschen haben die Macht, so viel Gutes zu tun“

Wat Chedi Luang ist einer von vielen Tempel in Chiang Mai, die sogenannte Monk Chats anbieten. Touristen können sich hier zu allen möglichen Themen mit Mönchen austauschen und über deren Leben lernen. Hier habe ich den Novizen Palinya kennengelernt, der mich nachhaltig beeindruckt hat.


Palinya hat den Kopf mit den kurz geschorenen dunkeln Haaren leicht schräg gelegt. „How to say?“, sagt er nach einer englischen Ausdrucksweise suchend, während er mit zwei Fingern auf und ab wippt, auf ein unsichtbares Ziel deutet und sie dann nachdenklich an die Unterlippe legt. Das machte er immer, wenn er kurz überlegen muss. „Du brauchst einen Plan“, sagt er dann. „Du brauchst einen Plan, um Träume wahr werden zu lassen.“ Palinyas dunkle Augen sind wach und klar, sein freundlich-warmer Blick voller Neu- und Wissbegierde. Etwas abseits vom Touristen-Trubel in Wat Chedi Luang sitzen wir unter Bäumen und Planen zum Schutz vor der Sonne. Und obwohl es schattig ist, scheint der 20-Jährige in oranger Novizen-Robe geradezu zu leuchten.

Novizen lernen Englisch

Wat Chedi Luang, eine große Tempelanlage mitten in Chiang Mai, ist einer von vielen Tempeln in der Stadt, die sogenannte Monk Chats anbieten. Meist sind es Novizen, die Fragen von Touristen beantworten und überaus motiviert sind, ihr frisch gelerntes Englisch auszuprobieren. Ihre Englischlehrer, Freiwillige aus aller Welt, sind meist mit dabei und helfen, wenn es mal hakt mit der Verständigung. Für mich stand der Besuch eines solchen Monk Chats ganz oben auf der Liste von Dingen, die ich in Chiang Mai unbedingt machen wollte.

Palinya deutet auf den Platz neben sich, als ich ankomme und mich suchend umschaue. „Das ist zu nah“, fährt der Tourguide eines amerikanischen Pärchens dazwischen, das ebenfalls am Tisch Platz genommen hat, zupft an meinem Ärmel und zeigt auf den Platz am anderen Tischende neben sich. Mönche – und das gilt auch für Novizen – dürfen Frauen nicht berühren und ihnen nicht zu nahekommen. Weite Ausschnitte, kurze Röcke und Hosen oder ärmellose Shirts sind deshalb in buddhistischen Tempeln nicht gestattet.

Klosterbesuch manchmal einziger Weg zu Bildung

Novizen knien in Wat Chedi Luang während des abendlichen Chanting.
Novizen knien in Wat Chedi Luang während des abendlichen Chanting.

Palinya war 15, als er Novize wurde, berichtet er. Er ist das jüngste von vier Kindern, hat einen älteren Bruder und zwei Schwestern. Seine Familie lebt weit entfernt in Laos. Er habe im Alltag keine Zeit gehabt zu meditieren, und er wollte viel mehr über Buddhismus lernen. Deshalb und auch aus Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern habe er sich für das Leben als Novize entschieden. Fünf Jahre ist das nun her.

Für viele junge Männer in Thailand ist der Gang in ein Kloster der einzige Weg, zu Bildung zu gelangen. Guy, der andere Novize am Tische, stammt von außerhalb der Stadt, gehört dem Stamm der Karen an. „Ich hätte sonst keine Möglichkeit zu studieren“, berichtet er. Immer wieder habe ich während meinen knapp zwei Wochen in Chiang Mai junge Thai-Männer getroffen, die berichtet haben, einmal Novize gewesen zu sein, um im Rahmen dessen eine High School besuchen und studieren zu können. Der Preis, den sie zu Bildung bezahlen, ist hoch, wie ich finde: Betten so hart wie ein Brett, meist kalte Duschen, Essen dürfen Novizen und Mönche nur, was gegeben ist – also das, was sie auf ihren morgendlichen Almosen-Runden von den Menschen gegen einen Segen bekommen, keine Vergnügungsaktivitäten, kein Sport, keine Musik, kein Essen nach Mittag – und nicht zuletzt auch keine näheren Kontakt zu Frauen. Gerade im Teenageralter muss das eine Herausforderung sein, stelle ich mir vor. Ein Preis, die die jungen Männer gerne zu bezahlen scheinen für eine gute Ausbildung. „Ich möchte mich selbst finden, etwas kreieren, Selbstständig sein“, sagt der 23-jährige Guy. Und auch Palinya hat einen Plan. Verraten möchte er ihn aber nicht.

Achtsamkeit, Karma und Religion

Palinya, Guy und ich. Seht ihr, wie sehr Palinya (links) sogar im Schatten leuchtet?
Palinya, Guy und ich. Seht ihr, wie sehr Palinya (links) sogar im Schatten leuchtet?

Nach einer Weile sitze ich mit den beiden Novizen und ihrem Englischlehrer alleine am Tisch. Wir sprechen über Achtsamkeit – die Grundlage des Buddhismus –, das Leben im Hier und Jetzt, über Karma, Reisen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Religionen. Viele Kriege, stellen wir fest, sind nur ausgebrochen, weil Menschen andere Religionszugehörigkeiten als die eigene nicht akzeptieren. Oder weil sie das Anderssein anderer Menschen ängstigt. Palinya will wissen, wie es zum zweiten Weltkrieg in Deutschland kam und erinnert sich, dass es da ja auch um Religion gegangen sei.

Interessiert hört er zu – insbesondere, als ich von aktuellen Entwicklungen in Deutschland spreche, wieviel Sorge es mir macht, das bestimmte Bevölkerungsgruppen in Deutschland Parolen rufen gegen die, die anders sind als sie selbst, die fremd sind, anders aussehen, vielleicht andere Ideale haben und die deshalb nicht passen in ihr Bild von „ihrem“ Deutschland.

Ein zufriedenes Leben leben

Mitte des 15. Jahrhunderts wurde der Bau von Wat Chedi Luang beendet. Bei einem Erdbeben 1545 stürzten die oberen 30 von 82 Metern ein.
Mitte des 15. Jahrhunderts wurde der Bau von Wat Chedi Luang beendet. Bei einem Erdbeben 1545 stürzten die oberen 30 von 82 Metern ein.

Der Rechtsruck in Europa war oft ein Thema, über das ich mit anderen (Langzeit-) Reisenden in Südamerika gesprochen habe. Immer wieder, und so auch Palinya, habe ich erzählt, wie wenig ich verstehen kann, dass Menschen Unterschiede zwischen Menschen machen und dass es doch völlig egal ist, ob wir schwarz, weiß oder gelb sind: Innendrinnen sind wir alle gleich, alle Menschen und alle mit dem Wunsch, ein zufriedenes Leben leben zu können. Irgendwann sind wir in diesen Gesprächen immer dazu gelangt, dass jeder reisen können sollte, um die Angst vor dem Unbekannten zu verlieren, dass Schulen viel früher ansetzen müssten, bevor Kinder von ihren Eltern diesbezüglich negativ beeinflusst werden. Denn gerade Kinder machen diese Unterschiede nicht.

Palinya nickt. Und dann sagt er etwas, das mir noch lange durch den Kopf geht: „Wir Menschen haben die Macht, hier und jetzt so viel Gutes zu tun.“ Ich schaue ihn einen kurzen Moment sprachlos an. Wie recht der 20-Jährige doch hat. Wir Menschen sind die Lebewesen auf unseren Planeten Erde, die die meiste Macht haben. Wir können alles zerstören – im Kleinen oder per Knopfdruck im Großen. Aber wir können auch so viel Gutes schaffen.

Nun sind wir beide ein wenig nachdenklich und Palinya legt wieder seine beiden Finger an die Unterlippe. Fast zwei Stunden haben wir zusammengesessen. Es ist Zeit, mich von den beiden Novizen und ihrem Englischlehrer zu verabschieden. Schließlich müssen zumindest die beiden Novizen noch vor 12 Uhr essen und dann am Nachmittag den Unterricht besuchen. Ich hätte Palinya gerne noch mehr gefragt. Was für ihn Liebe ist, zum Beispiel, oder ob er vor seiner Novizen-Zeit schonmal ein Mädchen geküsst hat. „Wir Menschen haben die Macht, so viel Gutes zu tun.“ Noch während ich bei Nudelsuppe und Eistee sitze, geht mir Palinyas Satz durch den Kopf. Und ich denke, wenn wir doch nur alle… Danke, Palinya!

Monk Chat in Wat Chedi Luang
Wann: täglich 8 bis 17 Uhr
Wo: An der Nordseite des Tempels.

Ein Novize kehrt nach der morgendlichen Almosenrunde nach Wat Chedi Luang zurück.
Ein Novize kehrt nach der morgendlichen Almosenrunde nach Wat Chedi Luang zurück.

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