Blick vom Chinesischen Tempel über Ko Sichang.

Ko Sichang – Das Leben findet auf der Straße statt

„Das Leben findet auf der Straße statt“, hat ein Bekannter gesagt, nachdem er von seiner Thailand-Reise zurückgekehrt ist. Wie recht er hat, ist mir so richtig erst auf Ko Sichang bewusst geworden. Die kleine Insel gut hundert Kilometer südlich von Bangkok ist kaum touristisch. Westler verirren sich nur äußerst selten hierher. Deshalb ist das Leben hier so ursprünglich wie es nur sein könnte.


Ko Sichang, 14. Februar 2020

Die Straßen sind eng, die Häuser bunt, die Blumen in voller Blüte. Es gibt eine Polizeistation, ein Wasser- und ein Elektrizitätswerk. Eine Schule und einen Sportplatz habe ich ebenfalls entdeckt. Früh am Morgen fahren die Fischer in ihren bunt bemalten Booten raus, beliefern die Fischlokale vor Ort und die ungezählten Streetfood-Stände, die sich am Abend von der einen großen Kreuzung auf der Insel die Straßen entlang verteilen. Abends, wenn es dunkel und endlich so kühl wird, dass es sich lohnt, den klebrigen Schweiß des Tages von der Haut zu waschen, werden die Menschen auf der Insel besonders sichtbar. Ganze Familien – von der Großmutter bis zum Enkel – sitzen dann vor ihren hell erleuchteten Häusern, essen, spielen, reden, lachen, tragen manchmal schon den Schlafanzug. Der Straßenrand wird zum Wohnzimmer – und in den beleuchteten Räumen dahinter lassen sich Küchen und Fernsehecken erkennen. Restaurants und Privaträume gehen fließend ineinander über. Und auch im kleinen Kiosk gegenüber meiner Unterkunft, der Chips, Tütennudeln und Bier in Dosen verkauft, wird im Hinterzimmer gekocht und am großen Tisch davor zusammengesessen. Wie anders das doch im Vergleich zu Deutschland ist, wo sich jeder durch eine große Hecke oder blickdichte Vorhänge von den Blicken der Nachbarn abzuschirmen versucht.

Blick vom Chinesischen Tempel über Ko Sichang.
Blick vom Chinesischen Tempel über Ko Sichang.
Urlaub vom Reisen auf Ko Sichang.
Urlaub vom Reisen auf Ko Sichang.

Was ich auf Ko Sichang gemacht habe? Nicht viel. Ich habe mir einen kleinen Bungalow gemietet – mit eigenem Bad, einem großen, weichen Bett ganz für mich alleine, Veranda und Hängematte. Dort habe ich die meiste Zeit verbracht, gelesen, geschrieben, meditiert, Ukulele gespielt. Ich habe morgens Pfannkuchen oder French Toast gefrühstückt, spät nachmittags Burger oder Putenbrust mit Pommes gegessen und jeden Abend ein Bier getrunken. Ich habe keine neuen Menschen getroffen und kaum geredet. Ich habe Urlaub vom Reisen gemacht, habe versucht, die vergangenen vier Thailand-Wochen zu verarbeiten und viel über mich selbst nachgedacht. Die Erkenntnisse, die ich dabei gewonnen habe, waren nicht alle schön, haben sich durchs Unterbewusstsein ihren Weg an die Oberfläche geboxt und sind nun unangenehm präsent wie ein stechender Kopfschmerz. Sich selbst und anderen mit liebender Güte begegnen – immer, empfiehlt der Buddhismus. Das ist leicht, wenn es um die Dinge geht, die ich an mir mag. Aber schwierig, wenn es um Dinge geht, die ich lieber verdrängen würde. Manchmal muss man sich in Akzeptanz üben. Das ist eine lebenslange Aufgabe. 😊

Anreise nach Ko Sichang:
Mit dem Bus von Bangkok (Ekamai, East Bus Terminal) nach Sriracha. Am besten dem Busfahrer oder Mitreisenden Bescheid geben, wo man hin möchte. Es ist allen immer sehr daran gelegen, dass Touristen an ihrem Ziel ankommen. So hat mir ein Mitreisender nach der Ankunft sogleich ein Tuktuk organisiert, dass mich direkt zum Ableger des kleinen Fährschiffs gebracht hat – und zwar in rasendem Tempo, damit ich nicht auf das nächste Boot warten muss.
Zurück geht’s mit Boot und Bus auf dem gleichen Weg. Ich hatte allerdings Glück: Tante und Nichte, die ebenfalls ein Wochenende auf Ko Sichang verbracht hatten, haben mich kurzerhand in ihr Auto gesetzt und mich bis vor die Tür des Hostels in Bangkok gefahren. Die Gastfreundschaft der Thais kennt keine Grenzen. 😊

Sonnenuntergang über dem chinesischen Tempel auf Ko Sichang.
Sonnenuntergang über dem chinesischen Tempel auf Ko Sichang.
Gute Wünsche für sich selbst und die Menschen, die sie Lieben: In einer Höhle neben dem Tempel werden die Wünsche auf Zettel geschrieben und an die Decke und Wände geklebt.
Gute Wünsche für sich selbst und die Menschen, die sie lieben: In einer Höhle neben dem Tempel werden die Wünsche auf Zettel geschrieben und an die Decke und Wände geklebt.
Um böse Geister zu vertreiben, zünden Menschen neben dem Tempel Böller an.
Um böse Geister zu vertreiben, zünden Menschen neben dem Tempel Böller an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*