Kindness # 3 – Alles passiert, wie es passieren muss

Ich musste die Schaffarm schnell verlassen. Die Suche nach einer neuen Bleibe begann und dauerte überraschender Weise nur wenige Stunden – dank vieler warmherziger und selbstloser Menschen.

 

Es war Samstagnachmittag, als ich final beschlossen hatte, die Schaffarm in Alberta zu verlassen. Die Familie war am Morgen zu einem Wochenendtrip aufgebrochen, hatte mich in ihrem Haus Mitten im Nirgendwo zurückgelassen – ohne Notfallkontakt, mit der Aufgabe, die Schafe an diesem Wochenende alleine zu füttern und mit dem Hinweis, dass sie am nächsten Wochenende ebenfalls unterwegs und ich alleine sein würden. Hätte mich das Wach-Lama auf der Weide umgerannt – mich hätte bis zum nächsten Tag niemand gefunden. Ich gebe zu: Das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Dennoch habe ich mich ausgenutzt gefühlt als kostenlose Arbeitskraft. Das hat für mich das sprichwörtlich bis zum Rand mit der kalten Familien-Atmosphäre gefüllte Fass zum Überlaufen gebracht.

Ich brauchte eine neue Unterkunft. Die Website von Wwoof Canada zeigte mir zwei Farmen an, die ich von den Aufgaben und der Ausrichtung her interessant fand und die zumindest halbwegs in der Nähe lagen: eine 250 Kilometer westlich, eine andere 250 Kilometer östlich von meinem Standort – die Distanzen in Kanada sind eben etwas anders als in Europa. Es ging also eine Nachricht an beide – und die Antworten kamen prompt. Sie seien noch für eine Woche im Urlaub, würden sich aber danach über meinen Besuch freuen, schrieb der Familienvater. Die andere potentielle Gastgeberin, Maryann, antwortete, dass sie gerade erst in den Urlaub aufgebrochen seien, sie aber Bekannte habe, die ebenfalls Wwoofer aufnehmen und sie sich einmal umhören werde. Am sehr späten Abend schickte sie mir eine E-Mail, ein Name, eine E-Mail-Adresse und die Bitte, Kontakt aufzunehmen. Die Familie in Red Deer würde sich auf mich freuen.

Es hätte nicht besser passen können

Das ging schnell. Sonntagfrüh schickte ich eine E-Mail an Nadine, erhielt prompt eine Antwort mit der Bitte, doch mal schnell durchzuklingeln. Gesagt, getan. Zehn Minuten und ein unfassbar lustiges Telefonat später war mir bewusst, dass ich die ganze Woche so gut wie nicht gelacht hatte. Und ich hatte eine neue Bleibe gefunden. Was ich noch nicht wusste, war, dass ich in Nadine, Guy und ihren beiden Söhnen Gastgeber und eine Farm gefunden hatte, die für mich nicht hätte passender sein können.

Ich habe erst später erfahren, was Maryann unter „sich umhören“ versteht. Offenbar hatte sie schon dem einen oder anderen Wwoofer aus einer ähnlichen Situation geholfen. Sie veröffentlichte einen Aufruf auf Facebook. An genau diesem Tag machten Nadine und Guy das, was sie sonst nie machen: Länger als sonst wach bleiben und mit dem Laptop im Bett schauen, was es Neues bei Facebook gibt. Innerhalb von Minuten hatten sie entschieden, auf den Aufruf zu reagieren. Zwei Tage später holten sie mich von der Busstation in Edmonton, Alberta, ab. Schon länger hatten sie mit dem Gedanken gespielt, Wwoof-Farm zu werden, waren sich aber nicht sicher, ob sie dafür schon bereit sind. Mein Besuch sollte für sie die Gelegenheit sein, es auszuprobieren (um es vorwegzunehmen: Sie sind mehr als bereit!).

Für Maryann hatte es sich damit noch nicht erledigt. Es galt, herauszufinden, wie ich vom Osten Albertas in den Süden der Provinz gelangen sollte. Sie richtete eine WhatsApp-Gruppe ein, holte ihren Bruder mit ins Boot, der an eben diesem Montagmorgen in die Richtung fahren würde und mich mitnehmen könnte. Aus verschiedenen Gründen hat dies nicht geklappt. Den Einsatz der beiden Geschwister für jemand völlig Fremdes finde ich dennoch überragend.

Ich habe einen Bus nach Edmonton genommen. Dort haben mich Nadine und Guy abgeholt – und nach zwei Wochen wieder hingebracht. Sie sind 1.000 Kilometer für mich gefahren, haben mich völlig selbstlos bei sich aufgenommen, ohne mich zu kennen. Ich war unglaublich dankbar und überwältigt von diesem Akt selbstloser Freundlichkeit – und bin es noch immer. Spätestens nach der fast dreistündigen Autofahrt war klar, dass wir nicht mehr auf einer Wellenlänge hätten sein können. Die folgenden beiden Wochen sollten das immer wieder bestätigen.

Vertrauen und bewusste Wahrnehmung

Das Universum hat hier – unübersehbar – kräftig seine Finger im Spiel gehabt, mir das zukommen lassen, was ich mir gewünscht und gebraucht habe. Alle und alles waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Die kaltatmosphärige Familie unterwegs, Maryann im Urlaub, Nadine und Guy mit dem Laptop im Bett. Es gilt jedoch, die Zeichen zu erkennen, die uns das Universum sendet. Bewusste Wahrnehmung, also Unsere Gedanken und Umwelt bewusst wahrzunehmen, sind für mich der Schlüssel. Und das Vertrauen darauf, dass alles passiert, wie es passieren muss.

Random Acts of Kindness – Freundlich sein, einfach nur so
Ich habe auf meinen Reisen zwei Dinge gelernt:
1. Oft geben diejenigen am meisten, die selbst am wenigsten haben.
2. Es gibt überall freundliche Menschen.
Hinter selbstlosem Handeln steht oft eine Geschichte. Sie verdient es, erzählt und gesammelt zu werden als Random Acts of Kindness.
Inspiriert von @TheKindnessGuy

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