Linna and I at Crater Lake, Oregon, August 2019.

Ein Liebesbrief an meine Schwester

Ich habe gar keine Schwester. Also, zumindest keine, mit denen ich meine Eltern teile. Aber es gibt diese Menschen, die sich nach Familie anfühlen, obwohl man nicht blutsverwandt ist. Meine Schwester Linna ist so ein Mensch.

Linna war sechs, ich 16, als wir uns kennenlernten. Die erste Erinnerung, die ich an sie habe, ist, wie sie schreiend und strampelnd auf dem Boden eines Spielzeugladens liegt und mich, mit Kindern völlig Unerfahrenen Teenager, hilflos und überfordert dastehen lässt, während mich die Menschen im Umkreis entweder wütend oder mitleidig ansehen. Ein Drama für die eher schüchterne 16-Jährige, die ich damals war. Heute, fast 20 Jahre später, ist Linna das furchtbar peinlich. Aber dann muss sie doch lachen. Und ich auch.

Über Kindheitserinnerungen lachen
So ist das eben, wenn wir über gemeinsame Kindheitserinnerungen sprechen. Wie Schwestern das so machen. Ich war 16 als ich für ein High School-Jahr in die USA ging. Linnas Eltern, ihre Schwester und eben Linna selbst waren meine Gastfamilie.

Obwohl wir in vielen Dingen unterschiedlicher nicht sein könnten – damals wie heute –, hatten und haben wir eine enge Verbindung. Linnas Mutter Laurie hat nach meiner Abreise zurück in die Heimat Kontakt gehalten, mich am Familienleben teilhaben lassen, an freudigen Ereignissen und krassen Schicksalsschlägen. Linna war da einfach noch zu klein. Während ich mich in der Schule mit den Strukturen des Amerikanischen Governments auseinandersetzte, hatte sie gerade erst Schreiben gelernt.

Virtuell am Leben des anderen teilhaben
Irgendwann Mitte der 2000er Jahre war Linna in Deutschland zu Besuch. Ungefähr zwölf muss sie da gewesen sein, ich etwa 22. Wir gingen auf Weihnachtsmärkte, Schlittschuhlaufen, schauten das grüne Bergische Land an, das so anders ist als ihre Heimat Kalifornien. Was man als Schwestern mit zehn Jahren Altersunterschied eben so macht. 2008 war ich zurück zum Urlaub in Kalifornien, hörten dann länger nichts voneinander, bis Facebook aufkam und wir virtuell verfolgen konnten, was der andere so macht. Schulabschluss, Ausflüge, neue Beziehungen und Trennungen – immer waren wir ein wenig Teil des Lebens des anderen. Flucht und Segen, denn mehr als einmal habe ich mich hilflos gefühlt, weil ich aus der Entfernung nicht einfach so da sein konnte.

Die Kleine ist plötzlich groß

2018: Wiedersehen nach zehn Jahren. Hier ein Foto aus dem Smith Rock State Park.
2018: Wiedersehen nach zehn Jahren. Hier ein Foto aus dem Smith Rock State Park.

Weihnachten 2018 haben wir zusammen in Oregon verbracht. Dort lebt „die Kleine“ mittlerweile, fährt Auto, hat einen Freund, einen guten Job und eine Farm mit Hühnern und Ziegen. Die Kleine war plötzlich erwachsen geworden. Ich war ganz schön überwältigt – und bin so stolz auf sie wie eine große Schwester nur sein kann. Das erste Mal, mit 25 und 35 Jahren, haben wir zusammen vor dem kleinen Kaminofen in ihrem Wohnzimmer gesessen, gemeinsam Wein getrunken, und über all die Dinge gesprochen, die sich über Nachrichten oder das Telefon kaum schreiben und sagen lassen. Gemeinsam mit ihrer ganzen Familie, die irgendwo auch meine Familie ist (Laurie, Robert, Minmay: <3), haben wir Spiele gespielt, die Gegend erkundet und uns nach einigen Tagen unter Tränen verabschieden müssen.

2019: Wir dürfen drei Wochen Schwestern-Zeit genießen.
2019: Wir dürfen drei Wochen Schwestern-Zeit genießen.

Weil Oregon nunmal auf dem Weg liegt zwischen Vancouver und Mexiko City, war klar, dass ich auch während meiner Weltumrundung Zeit bei Linna verbringe. Drei ganze Wochen Schwestern-Zeit. Was für ein Geschenk. An fast allen Tagen hat sie Arbeit Arbeit sein lassen und sich für mich frei genommen, hat mir ihre liebsten Orte gezeigt (sorry Kalifornien, aber Oregon hat dir ein wenig den Rang abgelaufen), mich in ihre Lieblings-Restaurants eingeladen und mich Teil ihres Freundeskreises werden lassen (Leute, ihr rockt!). Wir haben im Regen gezeltet, sind am Strand entlangspaziert und über Vulkangestein geklettert, hatten Zeit für lange Gespräche.

Ein Schwestern-Tattoo

Die beiden Gingko-Blätter stehen für Liebe, Freundschaft, und in unserem Fall große und kleine Schwester.
Die beiden Gingko-Blätter stehen für Liebe, Freundschaft, und in unserem Fall große und kleine Schwester.

Ein Höhepunkt: Ein Tätowierer hat uns ein Tattoo gestochen, das Linna gezeichnet hat (sie ist so unfassbar talentiert!). Zwei Blätter des Gingko, des chinesischen Glücksbaums, tragen wir nun beide in Schulternähe. Die zweiteiligen Blätter sind ein Symbol für Liebe und Freundschaft. Unsere beiden Blätter stehen zudem für große und kleine Schwester.

Ich bin unglaublich dankbar für unsere ganz besondere Schwestern-Beziehung, in der wir uns trotz der räumlichen Entfernung doch immer ganz nah sind. Love you loads, sister, and miss you. <3

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