Die Notbremse ziehen

Wie ich feststellte, dass ich dringend eine Pause brauche.

Ende vergangenen Jahres hatte ich ein Bedürfnis nach Ruhe wie selten zuvor. Drei freie Wochen standen auf dem Plan. Drei Wochen lang nicht an die Arbeit denken, To-Do-Listen To-Do-Listen sein lassen, dafür reisen und liebe Menschen treffen. Es zieht mich an Orte, an denen ich noch nie war, mag Kulturen, die anders sind als die westliche. Indien beispielsweise steht schon lange recht weit oben auf meiner Reiseliste.

Wenn ich an Indien denke, denke ich an tausend Farben, an Currys und Gewürze, Frauen in bunten Saris, Männer in weiten Gewändern und lachende Kinder mit verschmitzten Gesichtern. Und ich denke an verstopfte, chaotische Straßen, Lärm und viele Menschen an einem Ort. Eigentliche ein Bild in meinem Kopf, bei dem bei mir der Ich-muss-sofort-Flugtickets-kaufen-Reflex einsetzt. Normalerweise. Vergangenes Jahr war das anders. Und das hat mich erschreckt.

An Grenzen gehen – und darüber hinaus

Ich hatte noch nie einen Job, der nicht stressig war. Das bringt mein Beruf mit sich. Und der ist frei gewählt. Und so grundsätzlich ist Stress ja auch gar nichts Schlimmes. Mich treibt er zu Höchstleistungen an. Und dann bin ich stolz, wenn ich am Abend auf eine abgehakte To-Do-Liste schauen kann, für die andere sicher eineinhalb Tage benötigt hätten.

Zwei Jahre lang habe ich nahezu dauerhaft 100 Prozent und mehr gegeben. Bin wissentlich permanent an meine Grenzen und darüber hinaus gegangen. Zu viele Aufgaben, die in zu kurzer Zeit erledigt werden mussten – und die ich erledigen wollte. Hallo Perfektionismus.

Dauerhaft sind Stress und Druck alles andere als gesund. Vergangenes Jahr habe ich die nötigen Pausen vernachlässigt, mir selbst nicht genug Zeit gegeben zur Regeneration. Die Folge: Der Gedanke an Indien, die vielen Menschen, das bunte Treiben, das ich so sehr liebe, ließ mich ganz klein zusammensinken. Zwischen all den Menschen würde ich es nicht aushalten, war ich mich sicher. Da saß ich nun auf meinem Sofa, zutiefst erschrocken und mit hängenden Schultern ins Leere starrend: Zu ausgepowert für Urlaub in Indien? Wow!

Es war höchste Zeit für weniger Überstunden und mehr Zeit mit Freunden. Die Arbeitsbedingungen würden sich nicht ändern, aber ich konnte Fünfe gerade sein lassen – und zwar ab sofort. Weniger Perfektionismus, weniger Überstunden. Ich fasste den Plan, einen Plan zu fassen in meinen drei Wochen Urlaub. Aus Indien wurde Kalifornien, aus Strand wurde Weihnachten mit meiner Wahl-Familie, Zeit mit meiner Fast-Schwester und für mich. Der Plan, eine Notbremse welcher Art auch immer zu ziehen, war gefasst.

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