Morning hours at the Tha Pae Gate in Chiang Mai.

„Darf ich mitkommen?“

„Hello, good morning. Where are you going?“ Mit neugierigen Augen blickte mich die Thai-Seniorin an, ihr ganzes Gesicht strahlte. „Weiß noch nicht so genau“, antwortete ich ihr. „Ich wandere so durch die Straßen.“ „Darf ich mitkommen?“, fragte sie und hatte sich längst an meine Seite gehängt.

Ich war früh aufgestanden an diesem Morgen in Chaing Mai, habe das Hostel in der Dunkelheit verlassen, um die Mönche beim Einsammeln der morgendlichen Almosen zu fotografieren. Es war bereits gegen acht Uhr, als ich an einer Straßenecke Tim (das T wird hier wie eine Mischung aus T und D ausgesprochen) begegne. „Friendly lady“, bedeute ihr Name, sagte sie, als sie sich vorstellte. Wir liefen gemeinsam an der noch ruhigen Straße entlang. Woher ich denn komme, wollte sie wissen, wie lange ich in Chaing Mai bleibe und wie es mir gefällt. Ich gebe zu, ich habe ein wenig zurückhaltend geantwortet. Zu viel habe ich über Scams gelesen, zum Teil selbst erlebt, wenn zunächst überaus freundliche Menschen plötzlich bezahlt werden wollen für ungefragte Auskünfte über die Gegend.

Aber Tim plauderte munter darauf los. Sie habe als Krankenschwester gearbeitet, sei aber jetzt in Ruhestand. Und sie habe einen Freund, erzählte sie mit verschmitztem Lächeln und Augenzwinkern. Er komme aus Polen, sei jünger als sie – ein ganzes Stück – und arbeite an der lokalen Universität. Aber, „hach“, sagte sie schulterzuckend. Sie wisse auch nicht so genau.

„So schön, dich kennenzulernen“
Tims Englisch ist ausgesprochen gut. Sie gebe sich Mühe, sagte sie, lachte wieder, und schüttelte die schulterlangen grauen Haare. Sie deutete auf meine Kamera. Ihre Cousine, erzählte sie, sei Fotografin, lebe in Bangkok. Dort habe sie den König fotografiert. Und Prominenz aus Deutschland habe sie auch schon abgelichtet. Tim ist sichtlich stolz. Dann erzählte sie vom Chinesischen neuen Jahr, das an dem darauffolgenden Samstag begann. Und vom Blütenfest in wenigen Wochen. Das müsse ich mir unbedingt ansehen.

Ein Mann betet in Wat Tung Yu. Am Morgen taucht die Sonne den Tempel in ein besonders schönes Licht.
Ein Mann betet in Wat Tung Yu. Am Morgen taucht die Sonne den Tempel in ein besonders schönes Licht.

Sie war so herzlich, die kleine Thai-Frau, dass ich fast ein schlechtes Gewissen hatte, mich nach kurzer Zeit von ihr zu verabschieden. Die Sonne tauchte den Tempel auf der gegenüberliegenden Straßenseite in goldenes Morgenlicht. Das wollte ich festhalten. „So schön, dich kennenzulernen“, sagte sie, lachte, legte die Hände vor der Brust zusammen. „Sawadii kah“, sagte sie, und wanderte weiter ihres Weges.

„Da bist du ja wieder“, rief Tim und strahlte, als wir am Tha Pae Gate kurz darauf erneut aufeinandertrafen. Ich zeigte ihr das Foto, das ich gerade zuvor gemacht hatte. Es zeigt die Sonne über dem Tor und einen Schwarm Tauben, der genau im richtigen Moment den Abflug machte. „Aaaah“, sagte sie, zückte ihr Smartphone und durchkramte die Tasche nach ihrer Brille. Zwei Söhne habe sie, berichtete Tim, 40 und 37 Jahre alt. Der ältere und seine Familie lebten mit ihr zusammen, erklärte die Seniorin, während sie die Brille zurechtrückte und Fotos des Sohnes auf Facebook heraussuchte. Der jüngere lebe mit seiner Frau in einem Haus. „Sie haben Zwillinge“, sagte Tim und lachtee wieder ihr strahlendes Lachen. Sie zeigte mir Videos der beiden Kinder beim Radfahren und hübsch zurecht gemacht in leuchtend gelben Blusen. „Das war beim Kindertag.“ Sie war sichtlich stolz. „Aber“, sagte Tim, und zwinkerte mir wieder zu: „Ich kann sie nicht unterscheiden.“ Wir lachten beide.

„Vielleicht sehen wir uns nochmal wieder“
Dann drehte sie sich um, zeigte auf die Stadtmauer und das schwere Holztor. Chiang Mai habe es gebaut, um sich gegen Myanmar zu verteidigen. Das sei viele, viele Jahre her. Wieder drehte sie sich um, zeigte auf die Straße, auf der sich zur morgendlichen Rushhour Mofa- und Autofahrer gefährlich nahekamen. „Das war die erste Hauptstraße.“ Tim kicherte plötzlich. Sie könne einfach immer reden und liebe es, sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Die Seniorin verstaute ihr Smartphone in der Tasche und packte ihre Brille ins Etui. „Es war wirklich schön, dich kennenzulernen. Vielleicht sehen wir uns nochmal wieder“, sagte sie, legte die Hände zum Gruß vor der Brust zusammen und lief langsam über den Platz in Richtung Hauptstraße.

Ich schäme mich ein wenig für meine anfängliche Skepsis ihr gegenüber – und möchte mich selbst in den Hintern beißen, weil ich sie nicht nach einem Foto gefragt habe, mit dem ich ihr verschmitztes Lächeln kann. Ich werde die Augen nach ihr offen halten, wenn ich in den nächsten Tagen durch die Straßen Chiang Mais laufe. Nicht nur wegen des Fotos, sondern vor allem, weil ich mehr Tim-Geschichten hören möchte.

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