Aarti-Zeremonie am Ganges vor zwei Wochen. Ob diese derzeit noch stattfindet, ist mir unbekannt. Die Behörden bitten darum, Menschenansammlungen zu meiden.

Corona-Krise in Indien aussitzen?

Die derzeitige Situation gleicht einem Spiel, das „Sofort nach Hause fliegen, oder bleiben“ heißt. Aber es ist ein unfaires Spiel: Die Regeln ändern sich ständig, aber wir Spieler wissen nicht, wie. Und das macht es schwierig, strategisch sinnvolle Züge zu planen.


Mit 23 anderen angehenden Yogalehrern saß ich am Freitagabend in einem großen Kreis im Schneidersitz auf dem Boden. In der Hand hielten wir jeweils die Hände unserer Sitznachbarn, als wir zu einer Om-Meditation ansetzten. 30 Minuten lang sangen wir Om, den universellen Klang, genossen die Vibrationen, waren dabei untereinander eng verbunden, aber schickten unsere Vibrationen auch in die Welt hinaus. Ein komisches Gefühl: Während wir friedlich wie in einer Blase meditieren, herrscht im Rest der Welt Chaos. Irgendwann liefen mir die Tränen die Wangen herunter. Ich saß zwischen Sonja aus Deutschland und Alex aus Spanien. Beide hatten beschlossen, frühzeitig in ihre Heimat zurückzukehren. Rapha (Spanien) und Alissa (Deutschland) sollten folgen. Fast vier Wochen lang haben wir zusammengelebt, gelernt, geschwitzt, gelacht, bis uns die Tränen kamen auf dieser gemeinsamen Reise der Selbstentdeckung. Denn das ist es, was eine Yogalehrer-Ausbildung mit sich bringt. Nun war es Zeit, frühzeitig Abschied zu nehmen. Das Om zu Beginn und Ende unserer Unterrichtsstunden ist merklich dünner geworden.

Beunruhigt, aber nicht panisch

Unser Yoga-Unterricht geht weiter - aber die Runde wird  aufgrund vorzeitiger Abreisen kleiner.
Unser Yoga-Unterricht geht weiter – aber die Runde wird aufgrund vorzeitiger Abreisen kleiner.

Wir alle sind beunruhigt. Gute Nachrichten gibt es am Morgen beim Blick auf das Mobiltelefon nie. Täglich gibt es weitere Reise- und Verhaltenseinschränkungen – bisher nur in unseren Heimatländern, mittlerweile aber auch in Indien. Panisch ist jedoch keiner von uns.

Nach wie vor gibt es in Indien nicht viele bestätigte Corona-Fälle. 124 waren es am Montagmorgen. In Rishikesh, wo ich mich gerade aufhalte, gibt es keine bestätigten Fälle. Ob das Holi-Festival, bei dem vor einer Woche landesweit ungezählte Menschenmassen durch die Straßen zogen, feierten und sich gegenseitig bunte Farbe ins Gesicht schmierten, zur weiteren Ausbreitung beigetragen hat, ist noch unklar. Die Inkubationszeit beträgt laut offiziellen Angaben zehn bis 14 Tage.

Nachdem sie zunächst alle Visa ausgesetzt hat, hat die Indische Regierung Reisenden aus Ländern, die zur Europäischen Union gehören sowie Menschen aus der Türkei und dem Vereinigten Königreich die Einreise komplett verboten. Bisher hatte es für bestimmte Visa Ausnahmen gegeben. In Facebook-Gruppen heißt es, dass mancherorts Touristen der Aufenthalt in Hotels verweigert wird, sofern sie nicht mittels ärztlichen Attests nachweisen können, das ein negatives Covid-19-Test-Ergebnis zeigt.

Regierung hält Menschen auf Abstand
Trotz keiner großer Fallzahlen hat die indische Regierung beschlossen, die Menschen auf Abstand zu halten. Schulen, Universitäten, Theater, Schwimmbäder, Fitnessstudios und auch sonst alle öffentlichen Einrichtungen sollen in vielen Staaten bis zum 31. März geschlossen bleiben. Auch einige Touristenattraktionen, darunter das Taj Mahal, wurden geschlossen. Die indische Regierung scheint schnell zu reagieren und früher, als viele andere Länder das getan haben. So berichtet India Today in ihrem Online-Portal, das die gesamte Familie eines erkrankten Wissenschaftlers sofort unter Quarantäne gestellt wurde, nachdem sein Test auf Covid-19 positiv ausgefallen war.

Vertreter der indischen Gesundheitsbehörde klären uns über das Corona-Virus und Präventionsmaßnahmen auf.
Vertreter der indischen Gesundheitsbehörde klären uns über das Corona-Virus und Präventionsmaßnahmen auf.

Die Gesundheitsbehörden arbeiten offenbar sehr aktiv. Fünf mit Masken geschützte Vertreter unterbrachen heute Morgen unsere Anatomie-Klasse und informierten über Symptome und Vorsichtsmaßnahmen. Zudem gibt es eine Telefonnummer, die wir im Zweifel kontaktieren können. Die klare Ansage lautete aber, da Gebäude so wenig wie möglich zu verlassen und auch während des Unterrichts Schutzmasken zu tragen – auch, wenn wir alle die vergangenen knapp vier Wochen gemeinsam verbracht haben.

Corona-Krise in Indien aussitzen
Es gibt allerdings auch Gerüchte. Eine Frau hat in einer Facebook-Gruppe berichtet, dass sie mit ihrem Partner im Krankenhaus war, weil der alle Corona-Symptome gezeigt haben soll. Dort habe man ihm nur auf die Schuler geklopft und ihn wieder nach Hause geschickt mit der Aussage, dass alles in Ordnung sei. Ein Kursteilnehmer aus China hat sich dabei an seine Heimat erinnert gefühlt. Das habe man dort auch gemacht, um die Fallzahlen niedrig zu halten. Ob dieser Vorfall tatsächlich so stattgefunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Es ist schwierig, derzeit Entscheidungen zu treffen – eben weil sich die Spielregeln ständig ändern. Heute am frühen Morgen gab es Antwort auf meine gestrige E-Mail an die Deutsche Botschaft in Delhi. Wenn wir nicht jetzt, d.h. diese Woche ausreisen, sei es möglich, dass wir die „Corona-Krise in Indien aussitzen müssen“.

Frage aller Fragen: Was tun?
Für mich stellt sich die Frage, was ich mache, wenn ich mich dazu entscheide, nach Deutschland zurück zu reisen. Meine Wohnung ist noch bis Ende Mai untervermietet. Freunde haben angeboten, dass ich bei ihnen unterkommen kann. Sollte ich das Virus wie offenbar viele andere symptomlos in mir tragen oder gar in Quarantäne müssen, möchte ich jedoch nicht, dass meine Freunde davon mit betroffen sind. Sicher würde es irgendeine Lösung geben. Es steckt jedoch auch einiges Organisatorisches dahinter, Stichwörter Krankenversicherung, Arbeitsamt, Jobsuche…

Ich fühle mich in Rishikesh sicher. Und ich bin dank vieler weiterer Reisender nicht alleine. Dennoch überlegen einige, ihre Flüge auf diese Woche umzubuchen, nachdem auch hier nach und nach alles schließt/schließen muss. Viele möchten die Zeit dann lieber in ihren gemütlichen Wohnungen und mit ihren Partnern verbringen. Mein Plan ist derzeit hierzubleiben – zumindest solange noch weitere Mitglieder meiner Yoga-Familie hier bleiben. Denn ganz alleine möchte ich in dieser Situation nicht in Indien sein.

Dass mich das Virus vom weiteren Reisen abhält, hat einen höheren Sinn – auch, wenn ich den jetzt noch nicht so genau verstehe. Ich habe einige Ideen, was ich in Rishikesh machen könnte. Vielleicht ist es doch an der Zeit, eine Buch-Idee auf den Weg zu bringen oder Grundlagen für eine nebenberufliche Tätigkeit zu schaffen. Die nächsten Tage werden entscheiden, wie es weitergeht.

Bliebt alle gesund! Namaste!

 

Titelfoto: Aarti-Zeremonie am Ganges vor zwei Wochen. Ob diese derzeit noch stattfindet, ist mir unbekannt. Die Behörden bitten darum, Menschenansammlungen zu meiden.

 

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