Chile: „Die größte Krise seit Rückkehr der Demokratie“

Eine Erhöhung Ticketpreise für den Nahverkehr um 30 Pesos (Umgerechnet knapp 40 Euro-Cent) war ausschlaggebend für die Unruhen, die sich derzeit vielerorts in Chile abspielen. Auslöser, oder nur ein Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht hat? Nach allem, was ich gehört habe, trifft letzteres zu. Die soziale Ungerechtigkeit im Land beschäftigt viele Chilenen schon lange.

Ganze Familien scheinen sich nach den Unruhen im Land zu spalten. So auch der erweiterte Teil meiner Gastgeberfamilie. Die einen fordern, all die Gewalttäter sofort zu ermorden. So etwas brauche das Land nicht. „Endlich passiert etwas“, sagt der andere Teil, der findet, dass Missstände zu lange ausgehalten wurden. Viele sind sich jedoch einig: Gewalt ist kein guter Weg, um die Regierung wachzurütteln. Wachrütteln ja, aber nicht durch Zerstörung, Plünderung, Mord.

Ich berufe mich hier auf das, was Medien in Deutschland und vor Ort berichten. Auf die Einschätzungen meiner deutsch-chilenischen Gastgeberfamilie, deren Verwandten, Freunden und meinen Bekannten in Santiago. Chile gilt als das stabilste unter den Südamerikanischen Ländern. Laut Berichten wird das Wirtschaftswachstum dieses Jahr auf 2,5 Prozent geschätzt. Bis auf Diebstaldelikte und die Gefahr von Erd- und Seebeben, die von den vielen aktiven Vulkanen ausgeht, gilt das Land als recht sicheres Reiseland.

Missstände in Chile sind offensichtlich

Aber große Teile der Bevölkerung sind unzufrieden. Chile hat zwar das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika. Mehr als die Hälfte der Chilenen lebt jedoch vom Mindestlohn. Das sind 300.000 Pesos im Monat. Mit umgerechnet unter 400 Euro im Monat kommt man nicht weit. Preise in Supermärkten und Restaurants sind mit deutschem Niveau vergleichbar, ebenfalls die Mieten.

Unter Präsident Sebastián Piñera hat sich die Situation im Land verschlechtert, heißt es. Wer einen Termin im Krankenhaus oder bei einem Arzt benötigt, wartet ein Jahr. Menschen, die schnell Hilfe bräuchten, sterben. Gerade erst wurden die Strompreise landesweit um zehn Prozent erhöht, Anfang des Jahres waren die Preise für den Nahverkehr erhöht worden. Ausschlaggebend für die aktuellen Proteste war eine weitere Erhöhung der Metro-Preise um 30 Pesos. Das erscheint zunächst als nicht viel. Wer aber von unter 400 Euro im Monat leben und die Metro zur Arbeit nutzen muss, kämpft um seine Existenz.

Proteste zunächst friedlich

Angefangen hatten die Proteste laut der Schwester meiner Gastgeberin, die in Santiago lebt, friedlich. Studenten hatten mit Konzerten und Musik auf die Missstände aufmerksam machen wollen. Nach der erneuten Erhöhung der Metropreise waren sie laut Medienberichten einfach über die Drehkreuze gehüpft und schwarzgefahren. Friedlicher Protest.

Im Laufe des Freitags war die Stimmung dann offenbar gekippt. Bilder in den Medien zeigen brennende Busse und zerstörte Metro-Stationen, Kämpfe auf den Straßen. Die Regierung rief für Santiago den Notstand aus. Dass Präsident Piñera nach der ersten Gewaltnacht die Preiserhöhung für Metrotickets in Santiago zurückgenommen hat, könnte ein falsches Zeichen gesetzt haben. Nämlich, dass Gewalt sehr wohl etwas bewirken kann. Die Geschichte des Landes zeigt, dass das Volk Veränderungen im Land immer durch Gewalt erwirken konnte – allerdings nie mit nachhaltigem Erfolg.

Nah-, Fern- und Flugverkehr liegen lahm

Am Samstag verschärfte sich die Situation. In vielen größeren Städten gab es gewalttätige Demonstrationen. Rund 60 Supermärkte wurden geplündert und teils angezündet. Es gab Tote und über 1500 Festnahmen. Rund 9.400 Soldaten sollen im Einsatz sein, berufen sich Medien auf das Verteidigungsministerium. Der öffentliche Verkehr in Santiago liegt lahm, die meisten Fernbuslinien fahren die chilenische Hauptstadt nicht mehr an, am Flughafen herrscht Chaos. Neben Santiago und Valparaíso herrschen auch in anderen Städten nächtliche Ausgangssperren. Laut Medienberichten hat es gestern Abend in Santiago auch nach deren Beginn Kundgebungen gegeben.

Warum aus zunächst friedlichen Protesten Gewalt geworden ist, lässt sich für mich kaum nachvollziehen. Mein Spanisch ist schlecht, das erschwert die Recherche im Internet. Teile meiner Gastgeberfamilie glauben, dass die Kommunisten hinter der Gewalt stecken. Ein Foto von Präsident Piñera in den Medien, das ihn mit seiner Familie in einem gehobenen Restaurant zeigen soll, während in Santiago Chaos herrscht, könnte dies nahelegen. Vielleicht zeigt das Bild aber auch schlicht das Interesse der Medien, die wissen wollen, was der Präsident macht, während sein Land gegen seine Regierung protestiert.

Lang aufgestaute Wut

Meine Gastgeberfamilie glaubt zudem, dass viele Demonstranten nicht wissen, worum es eigentlich geht. Lang angestaute Wut gegen das System oder auch über persönliche scheinen sich mit den aktuellen Ereignissen einen Weg zu Bahnen. „Das System produziert die Gewalt“, war auf einem Plakat zu lesen, das Studenten in Temuco, wo ich mich derzeit aufhalte, zu einer Kundgebung trugen. Es ist eine Frage der Verantwortung: Sicher trägt die Regierung die Verantwortung für die Missstände im Land. Die Verantwortung für ihr gewaltsames Handeln tragen aber die Demonstranten selbst.

Ein Bekannter in Santiago, bei dem ich während meines Aufenthalts übernachten wollte, ist Journalist. Er spricht von der größten Krise, die Chile seit der Rückkehr der Demokratie erlebt hat. Seit 1987 habe es in Santiago keine Ausgangssperre mehr gegeben. Niemand wisse derzeit, wie sich die Lage in den nächsten Tagen entwickeln wird. Einige Organisationen hätte zu einem Nationalstreik am heutigen Montag aufgerufen. Schulen, Geschäfte, Museen und Co. würden geschlossen bleiben. Zumindest eine Metrolinie habe heute wieder fahren sollen. Die Mitarbeiter hätten jedoch betont, dass sie Angst haben, zu Arbeit zu gehen. Verständlich.

Angst vor Versorgungsengpässen

Geschlossene Geschäfte sorgen für weitere Probleme. Milch für ihr Baby kann die Schwester meiner Gastgeberin in Santiago derzeit nicht einfach so kaufen. Sie habe jedoch herausfinden können, wo es welche gibt. Es scheint sich eine Art Schwarzmarkt zu entwickeln. Sie berichtet auch von langen Schlangen an Tankstellen. Von Nachbarn haben wir gehört, dass die Supermärkte in Temuco voller Menschen sind. Es herrscht offenbar Angst vor Versorgungsengpässen.

Mein Journalisten-Freund spricht von einem gefährlichen Cocktail: Eine sture Regierung, wütende Menschen, die Plünderungen in einigen Gegenden Santiagos und die Gewalt, mit der Polizei und Militär gegen die Demonstrationen vorgehen.

Es wird lange dauern, bis in Santiago wieder Normalität herrscht

Mir scheint, dass der wütende Teil weiter wütend wird und der Rest des Landes das Geschehen von zuhause aus am Fernseher verfolgt und ein wenig wie erstarrt abwartet, was als nächstes passiert. Einig scheinen sich die Menschen jedoch darin, dass sich im Land etwas ändern muss. Schnell. Hier ist die Politik gefragt, die Sorgen der Menschen wahrzunehmen, sie zu verstehen und zu handeln. Mein Journalisten-Freund ist nicht optimistisch, dass schnell etwas passieren wird. Eine Lösung werde nicht schnell und einfach kommen, sagt er. Er vermutet, dass sich die Situation im Land nicht zeitnah ändern wird. Und selbst wenn es eine Lösung gebe, werde es noch lange dauern, bis in Santiago wieder eine Art Normalität herrsche. Sicher scheint nur: Nachhaltige Lösungen gibt es nur durch friedlichen Wiederstand.

 

Infos zu meiner Situation hier.

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