Guy Fletcher in the potato field. What he robs, becomes food right away.

Autark leben: Aus dem Garten in den Topf auf den Tisch

Dass gesunde Ernährung wichtig ist, wissen wir alle. „Gesund“ ist dabei Definitionssache. Die Fletchers essen nahezu ausschließlich Bio-Lebensmittel. Zwei Wochen durfte ich bei dieser inspirierenden und besonderen Familie verbringen.

Die Fletchers sind eine Familie, die mich tief beeindruckt und inspiriert hat. Die mich Vieles hat in Frage stellen lassen. Wie wir (miteinander) leben, wie wir uns ernähren, woran wir glauben oder eben auch nicht. Die Fletchers, das sind Nadine, Guy und ihre beiden Teenager Gabriel und Paul, leben irgendwo auf dem platten Land Albertas. Da, wo man schon im Voraus weiß, wie das Wetter in zwei Tagen wird, weil man so weit sehen kann. Da, wo wir im Juli am einen Tag bei fünf Grad vorm Kamin saßen und am nächsten bei 27 Grad in der Sonne. Die kleine Familienfarm liegt 15 Minuten Autofahrt von der nächstgrößeren Stadt entfernt. Und sofern nicht unbedingt nötig, fährt Mutter Nadine nicht häufiger als einmal pro Woche dorthin. Oft ist es nicht nötig: Die Familie versorgt sich nahezu vollständig selbst. Gekauft wird nur, was sie nicht selbst anbauen kann oder in der Herstellung zu aufwändig ist. Das hat insbesondere das Leben der beiden Söhne grundlegend verändert.

„Ihre Kinder werden nie sprechen können“, hatten die Ärzte Nadine und Guy versichert. Gabriel und Paul waren damals etwa drei Jahre alt. Autismus lautete die Diagnose und für die Eltern auch die Erklärung dafür, warum ihre Kinder nicht sprachen. Nadine Fletcher gab sich mit der Aussage der Ärzte nicht zufrieden. Ihre Kinder, das stand für sie fest, würden sprechen können. Von einem Tag auf den anderen stellte sie die Ernährung der Familie um. Ob es etwas gebracht hat? Nun, Gabriel und Paul haben mir gleich mehrere sprichwörtliche Knöpfe an die Backe gequatscht. 😉 Bei Gabriel ist die Entwicklungsstörung heute gar nicht mehr nachweisbar.

Industriell gefertigte Lebensmittel – Einfluss auf unseren Körper?

Das klingt nach so einer Geschichte, die man irgendwo im Fernsehen sieht. Eine Art Wunderheilung. Und natürlich kann niemand zu hundert Prozent sagen, dass ausschließlich die Ernährungsumstellung Einfluss auf die Entwicklung der beiden Jungs hatte. Aber es gibt doch zu denken. Auch, wenn man die Geschichte von Rheanne. Als Kind hatte die heute fast 20-Jährige einen Tumor im Bein. Unheilbar, sagten die Ärzte. Und tatsächlich hat bisher niemand diese Art von Krebs überlebt – trotz Amputation. Auch Rheanne wurde ein Bein amputiert. Doch sie überlebte. Auch ihre Mutter stellte auf organische Ernährung um, entwickelte gar eigene Seifen mit nur natürlichen Inhaltsstoffen. Ich habe Mutter und Tochter kennenlernen dürfen. Krebszellen haben die Ärzte in Rheannes Körper keine mehr gefunden. Zufall? Oder haben industriell gefertigte Produkte doch so viel Einfluss auf unseren Körper?

Kochen ohne industrielles Salz und Zucker

Junge Rote Bete kommt bei den Fletchers frisch aus dem Garten.
Junge Rote Bete kommt bei den Fletchers frisch aus dem Garten.

Ich werde das hier nicht wissenschaftlich belegen oder diese Frage beantworten können. Aber ich selbst bin in den Genuss von Nadines Küche gekommen. Bei ihr kommen weiterhin ausschließlich Bio-Lebensmittel auf den Tisch. Sie kocht völlig ohne zusätzliches Salz, nutzt statt raffiniertem Zucker Ersatzprodukte wie Honig aus eigener Herstellung oder Ahornsirup, nahezu alles Obst und Gemüse kommt aus dem eigenen Garten. Vieles davon kommt frisch auf den Tisch, anderes macht sie ein für den Winter, füllt damit einen ganzen Kellerraum und mehrere Gefriertruhen. An die siebzig Hähnchen

Guy und Paul inspizieren die Bienenstöcke, um sicherzustellen, dass es den Bienen und ihrer Königin gut geht.
Guy und Paul inspizieren die Bienenstöcke, um sicherzustellen, dass es den Bienen und ihrer Königin gut geht.

versorgt die Familie den Sommer über, um sie im Spätsommer für den Verzehr zu schlachten. Eier stammen ebenfalls von eigenen Hühnern, die auch dafür sorgen, dass der Kompost in kurzer Zeit zu guter Erde wird, die wiederum Dünger für Obst und Gemüse sind.

Zwei Lämmer besitzt die Familie ebenfalls. Auch sie werden am Ende der Saison geschlachtet. Mehrere Bienenvölker versorgen die Familie mit Honig. Statt Produkten aus Weizen nutzt Nadine Dinkel oder Einkorn. Zahnpasta und Lippenpflegestifte stellt sie selbst her, organische Seife ohne Zusatzstoffe erhält sie von einer Bekannten. Die Eltern unterrichten ihre beiden Söhne zuhause – überwiegend im Winter, wenn im Garten nicht so viel zu tun ist. So ist das bei den Farmkindern im Umkreis ebenfalls. Der 13-jährige Paul absolviert derzeit einen Uni-Onlinekurs rund ums Thema Käfer. Die faszinieren ihn besonders.

Farmleben gibt den Jahresrhythmus vor

Gabriel und Paul vor der Scheune. Hier pausieren sie während ihrer Abendaufgaben.
Gabriel und Paul vor der Scheune. Hier pausieren sie während ihrer Abendaufgaben.

Das Leben auf ihrer kleinen Farm gibt für die Familie den Jahresrhythmus vor. Ende August sind die ersten Obst- und Gemüsesorten reif, dann schlachtet sie auch ihre Hühner, der September steht im Zeichen von Ernten und Einmachen. Die Jungs sorgen für Feuerholz für den Kamin und reinigen den Schornstein. Im Oktober werden die Schafe geschlachtet, die Familie erwartet den ersten Schnee und macht alles bereit für den Winter: Bienenstöcke einpacken, Pflanzen winterfest machen, Scheunen und Ställe mit frischem Stroh ausstatten, damit auch die Tiere gerüstet sind für die kalte Jahreszeit. Minus 30 bis minus 50 Grad und einige Meter Schnee sind in Alberta keine Seltenheit – insbesondere aufgrund der Nähe zu den Rocky Mountains. Sollte der Strom ausfallen – das kommt bei Sturm im Sommer und Schnee im Winter schonmal häufiger vor – nutzten Nadine und Guy ihre Outdoor-Küche. Eine Outdoor-Kompost-Toilette ist derzeit im Bau, sodass die Familie bald auch hier autark ist.

Für mich waren die zwei Wochen mit den Fletchers ein Geschenk. Ich habe in dieser Zeit mehr gelernt als in meinen gesamten drei Monaten als Wwoofer. Darüber, welches Gemüse man am besten neben welches pflanzt, damit Schnecken fernbleiben, wie Bienenvölker funktionieren und wie man sie unterhält, wie aus Essensresten schnell Kompost wird oder wie man eine Kompost-Toilette baut.

Ich brauche eine Gefriertruhe

Insbesondere in Sachen Ernährung und Lebensmittel hat mich die Familie inspiriert. In meiner Küche gibt es schon seit einigen Jahren kein Weizenmehl mehr, so gut wie keine Kuhmilchprodukte, und Zucker nutze ich nur da, wo er unbedingt nötig ist (und wenn das Verlangen nach Schokolade zu groß wird…). Wann immer möglich kaufe ich regionale Lebensmittel aus biologischem Anbau. Und saisonal einzukaufen ist für mich eine Selbstverständlichkeit – Erdbeeren im Winter gibt’s bei mir nicht. Nadine hat mir in dieser Hinsicht so viel Wissen, Ideen und Rezepte mitgegeben. Ich freue mich schon jetzt darauf, all das nach meiner Reisezeit auszuprobieren. Einen eigenen Garten mit Gemüsebeet und Hühnern werde ich in näherer Zukunft nicht haben. Aber für eine Gefriertruhe und Eingemachtes muss ich Platz finden. Nach zwei Wochen bei den Fletchers war mein Hautbild so gut wie zuletzt in Kindertagen. Und auch mein Magen hat sich gefreut.

Gemütliche Stimmung am Lagerfeuer.
Gemütliche Stimmung am Lagerfeuer.

Aber es ging bei weitem nicht nur um Ernährung. Oft haben Nadine, Guy und ich abends lange zusammengesessen und uns intensiv auf einer spirituellen und sehr persönlichen Ebene ausgetauscht. Es gab keinen Tag, an dem ich keine Tränen gelacht habe – besonders Paul und Guy haben einen wahnsinnig komischen Humor. 😀 Gabriel und ich haben gemeinsam gestrickt. Und dann waren da noch die Familienhunde Sasha und Shylo – beide riesig groß und kuschelig wie Eisbären. Ich denke gerne zurück an Abende am Lagerfeuer, an urkomische Familiengeschichten, an Guys Erzählungen von seinen abenteuerlichen Reisen durch Afrika.

„An unserem Tisch ist immer ein Platz für dich frei”

Ein Abschiedsfoto mit den Fletchers: Gabriel, Nadine, Guy und Paul (v.l.).
Ein Abschiedsfoto mit den Fletchers: Gabriel, Nadine, Guy und Paul (v.l.). Mir wächst da übrigens ein Baum aus dem Kopf. 😉

“An unserem Tisch ist immer ein Platz für dich frei“, hat Guy bei meiner Abreise gesagt. Das hat den Abschied von der kanadischen Familie nicht leichter gemacht. Ich bin mir sicher, dass dies nur ein Abschied auf Zeit ist. Nadine und ich tauschen uns bis heute nahezu wöchentlich aus. Und so bin ich immer noch ein Stück weit dabei, wenn die Familie über hundert Kilo Tomaten erntet und verarbeitet. Danke, für diese wundervolle Erfahrung, liebe Fletchers.

Dies ist nur Teil eins meiner Erlebnisse mit den Fletchers. Weitere Geschichten folgen.

Schlafenszeit: Gabriel sperrt die Hühner für die Nacht in den Stall.
Schlafenszeit: Gabriel sperrt die Hühner für die Nacht in den Stall.
Nadine pflückt Kamillenblüten. Daraus stellt sie Tees und Salben her.
Nadine pflückt Kamillenblüten. Daraus stellt sie Tees und Salben her.
Frisch geschlüpft.
Frisch geschlüpft.
Sonnenuntergänge dieser Art gab es in Albertra oft.
Sonnenuntergänge dieser Art gab es in Alberta oft.
Ein Blick in den Gemüsegarten.
Ein Blick in den Gemüsegarten.
Kuscheln? Im Sommer gab es gleich 16 Babykatzen zu versorgen. Ausnahmezustand bei den Fletchers.
Kuscheln? Im Sommer gab es gleich 16 Babykatzen zu versorgen. Ausnahmezustand bei den Fletchers.
Knuddeln mit Farmhund Sasha geht immer. Man darf nur das Wort "Treat" (Leckerchen) nicht nutzen. Dafür lässt er alles fallen.
Knuddeln mit Farmhund Sasha geht immer. Man darf nur das Wort „Treat“ (Leckerchen) nicht nutzen. Dafür lässt er alles fallen.

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