Ausnahmezustand: Chile schnellstmöglich verlassen

„Ich rate Dir, das Land schnellstmöglich zu verlassen.“ Die Warnung eines Bekannten aus Santiago ist eindeutig. Chile befindet sich seit wenigen Tagen im Ausnahmezustand. Und ich bin irgendwie mitten drin in diesem Drama, das sich in dem Land abspielt, das als das stabilste in Südamerika gilt. Ob und wie ich das Land verlassen kann, ist derzeit fraglich.

Um es vorweg zu nehmen: Es geht mir gut. Aber ich bin besorgt. Nicht um mein Leben oder meine Sicherheit. Aber doch so, dass ich gerade nicht weiß, wann, ob und wie ich weiterreisen kann. Nach gewalttätigen Ausschreitungen und Demonstrationen in Santiago und vielen anderen Teilen des Landes befindet sich Chile im Ausnahmezustand. In Santiago, Valparaíso, Teilen Temucos, wo ich mich gerade befinde, und weiteren Städten hat die Regierung den Notstand ausgerufen. In der Nacht galten vielerorts Ausgangssperren. In Santiago haben Demonstranten besonders schlimm gewütet, U-Bahn-Stationen zerstört, Supermärkte geplündert und angezündet, mehrere Menschen sind gestorben, um die 1.500 wurden festgenommen. Das berichten nationale und internationale Medien übereinstimmend.

Ich hatte geplant, heute nach Santiago zu reisen, gegen Ende der Woche in Valparaíso anzukommen und zu Beginn kommender Woche einen Bus in Richtung Atacama-Wüste zu nehmen. Eine Wüstentour sollte der Höhepunkt meiner Reise durch Chile werden, auf den ich mich schon seit Wochen freue. Ich habe drei Kontakte in Santiago. Menschen, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe und einen Journalisten, der während meines Aufenthalts in Santiago mein Gastgeber sein sollte. Alle drei haben mir geraten, das Land zu verlassen, so lange es noch möglich ist. Derzeit sieht es so aus, als sei dies bereits jetzt eine Herausforderung.

Flüge und Busse stehen still

Santiago ist der Dreh- und Angelpunkt des Landes. Sämtliche Inlandsflüge setzen hier zur Zwischenlandung an. Der Busbahnhof ist der wichtigste Punkt für Verbindungen zwischen Nord und Süd. Aber der Flughafen ist dicht, laut Flughafen-Website fast alle Flüge gestrichen, das Personal kommt laut Medienberichten nicht zum Flughafen, Passagiere säßen dort ohne Nahrung fest, heißt es. Und auch die Busse fahren nicht. Die Mutter meiner Gastgeberin wollte sich gestern per Bus auf den Weg von Puerto Montt im Süden des Landes nach Santiago machen. Ihr Bus musste umkehren. Eine wichtige Brücke war aus Sicherheitsgründen gesperrt. Wir vermuten, dass dies an mehreren Orten der Fall sein könnte. Laut einem Medienbericht hat Turbus, einer der größten Fernstreckenanbieter in Chile, seinen Betrieb von und nach Santiago komplett eingestellt. Was mich beunruhigt: Mein Bekannter, der Journalist, glaubt, dass es mit der Zeit noch schwieriger werden könnte, Chile zu verlassen.

Der Protest ist ganz nah

Straßenschilder in der Nachbarschaft wurden aus der Verankerung gerissen.
Straßenschilder in der Nachbarschaft wurden aus der Verankerung gerissen.

Für mich ist der Protest ganz nah. Die Überreste kleinerer brennender Barrikaden lagen gestern nur einen Block von der Wohnung meiner Gastgeberfamilie entfernt am Straßenrand. Am Vorabend (Samstag) haben wir aus dem Fenster beobachtet, wie eine kleine Gruppe junger Demonstranten Schilder aus ihren Verankerungen gerissen und sie mitten auf die Straße gelegt hat. Zuvor hatten wir den Innenstadtbereich umfahren müssen. Was der Grund war, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Gestern Abend wurde dann auch für einen Vorort Temucos aus Sicherheitsgründen der Notstand ausgerufen. Die Schule, in der mein Gastgeber als Lehrer arbeitet, hat daraufhin den Unterricht für heute abgesagt. Zunächst sollte der nur verkürzt stattfinden. Heute Morgen erhielt meine Gastgeberin die Nachricht, dass es in einer anderen Schule gebrannt hat. Die Schäden seien groß.

Niemand weiß, wie es weitergeht

Es weiß derzeit niemand, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickeln wird. Für mich heißt es jetzt, recherchieren. Die derzeit einzige Option führt mich mit dem Bus über die Landesgrenze nach Argentinien. Ob diese Busse fahren, weiß ich derzeit noch nicht. Eine weitere Alternative ist, ein paar Tage bei meinen Freunden zu bleiben und abzuwarten, ob es Ende der Woche einen Flug in den Norden des Landes gibt, und ich von dort aus wie geplant durch die Wüste nach Bolivien reise.

Fest steht, dass ich Santiago und Valparaíso nicht besuchen kann. Das macht mich traurig. Ich habe viel gehört von anderen Reisenden über die Magie und die ganz besondere Atmosphäre in den beiden Städten, die aufgrund ihrer Architektur und Streetart auch optisch besonders seien. Es macht mich auch traurig, weil ich meinen Gastgeber, den Journalisten, nicht persönlich treffen kann. Er hätte mir ganz neue Einblick ins Land geben können. Ich bin jedoch dankbar, dass er aus der Ferne die aktuelle Situation für mich interpretiert. Dass ich nicht nach Santiago reisen kann, bedeutet aber auch, dass ich meine Kamera vorerst nicht repariert lassen kann. Das ist schade, angesichts der aktuellen Situation aber das kleinste Übel.

Für den Moment sind meine Kontakte in Santiago und auch ich in Temuco in Sicherheit. Ich selbst habe mich in die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts eingetragen. Jetzt heißt es recherchieren und abwarten.

 

Die Hintergründe zu den Demonstrationen in Chile und Einschätzungen der Situation aus meinem chilenischen Umfeld habe ich hier zusammengefasst.

 

 

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