Ein Foto zur Erinnerung durfte ich machen von den beiden liebenswerten Nonnen. Aber sie möchten ihre Gesichter nicht im Internet sehen. Das respektiere ich natürlich.

Auch Nonnen mögen süßen Eistee

Eigentlich wollte ich einen Text über eine lustige Fahrt mit dem gelben Songthaew schreiben. Darüber, wie der Fahrer dieses Sammeltaxis nicht nur Menschen, sondern auch Autoteile und Säcke unbekannten Inhalts transportierte. Wie sich zwölf Menschen samt Gepäck und Einkäufen in den Innenraum quetschten und ein weiterer auf der Ausstiegsstufe stand – gleich neben einem weiteren Sack unbekannten Inhalts. Über das Knie der Sitznachbarin in meiner Wade, die Seniorin, die zum ersten Mal ihren Enkel kennenlernen sollte und einen umgekippten Sack voller Eier. Dann luden mich zwei Nonnen zum Mittagessen ein.

Gerade erst war ich aus dem Songthaew gepurzelt, stand inmitten meiner zwei Rucksäcke und der Ukulele am Straßenrand, wollte den einen gerade schultern, als ich das Auto neben mir bemerkte. Das Fenster fuhr herunter. „Hello, where do you want to go?“ Ein altes und ein junges weibliches Gesicht blickten mich freundlich an, die Köpfe kahlgeschoren, die Kleidung blütenweiß. Ich konnte nicht anders als fröhlich zurück lächeln. „Ich suche mir etwas zum Mittagessen und möchte dann hoch zum Wat Phra Koet“, erklärte ich den beiden Frauen meine Pläne. Die jüngere übersetzte der älteren in Thai, ein kurzer Wortwechsel. „Wir wollen auch Mittagessen. Möchtest du mitkommen?“ Warum eigentlich nicht, dachte ich, und saß kurz darauf samt Gepäck auf der Rückbank des kleinen Autos.

Nudelsuppe mit Rindfleisch
Die Fahrt dauerte nicht lang, ich erfuhrt, dass die jüngere der beiden Frauen vor einigen Jahren schon einmal in Deutschland – auch in Frankfurt – war und dass sie im nahegelegenen Tempel leben. Eine kleine Nudelküche war das Ziel der beiden. Ich soll am Nachbartisch Platz nehmen, bedeuteten sie mir. Die jüngere Frau übersetzte meine Bestellung (ich kann einfach nicht genug bekommen von Nudelsuppe mit Rindfleisch) und bat um Verständnis, dass nun Essenszeit sei und die beiden sich auf Thai unterhalten. Aber später könnten wir sprechen. Und erst in dem Moment, als die Bedienung unsere Suppenteller brachte und sich mit zum Gebet gefalteten Händen tief vor den Frauen verbeugte, wurde mir klar: Die beiden Frauen sind buddhistische Nonnen und nicht, wie ich angenommen hatte, Gäste des Meditationszentrums am Ort.

Nach dem Essen kamen wir ins Gespräch. Sie habe sich selbst in mir gesehen, als sie mich am Straßenrand entdeckt habe, sagte die jüngere Nonne. Nach dem Studium habe sie im elterlichen Unternehmen gearbeitet, berichtete sie. Irgendwann sei sie aufs Thema Achtsamkeit und Meditation gestoßen. Sie habe versucht, mit Freunden darüber zu reden, die sie jedoch nicht verstanden hätten und sei dann irgendwann in Chom Thong angekommen, um das große Meditationszentrum direkt neben dem Tempel zu besuchen. Da war sie 24 Jahre alt. Phra Ajahn Tong, der damalige Abt des Klosters, habe ihr irgendwann die Ordination nahegelegt. Seit zehn Jahren lebt sie nunmehr als Nonne im Kloster.

Besuch im Tempel von Chom Thong. Im großen Schrein im Hintergrund wird eine Buddha-Reliquie aufbewahrt. Dies macht den Ort so besonders.
Besuch im Tempel von Chom Thong. Im großen Schrein im Hintergrund wird eine Buddha-Reliquie aufbewahrt. Dies macht den Ort so besonders.

Zwischenstopp im Supermarkt
Ob ich noch etwas Zeit habe, wollte sie nach dem Mittagessen wissen. „Wir möchten dich zu Phra Ajahn Tong bringen“, sagte die jüngere Nonne mit einem freundlichen Lächeln. Er sei kürzlich verstorben. Ich muss ein wenig verwirrt geschaut haben. „Er ist immer noch da“, fügte die junge Nonne hinzu. Dann verstand ich: Der Phra hat seinen Körper verlassen, aber seine Seele ist noch da –so lange, bis das Karma entscheidet, ob er wiedergeboren oder ins Nirwana übergeht – so meine laienhafte Erklärung.

Nach einem Zwischenstopp im Supermarkt („Du brauchst da oben etwas zu Essen!“) saßen wir schließlich in der großen Halle, die zum Andenken an Phra Ajahn Tong hergerichtet war. Hundert Tage lang haben die Menschen hier Zeit zum Trauern. Wir verbeugten uns vor dem großen hölzernen Buddha und knieten dann vor den Aufbauten zum Andenken an den Verstorbenen nieder. „Er ist immer noch hier“, sagte die Nonne. „Du kannst ihm jetzt einfach sagen, wie du heißt, woher du kommst und was dich hergeführt hat.“ Wir schlossen die Augen. „Drei Minuten Meditation?“, fragte sie schließlich? Was passierte, war für mich überwältigend. Noch nie zuvor konnte ich mich so schnell in einen meditativen Zustand versetzen. Noch nie zuvor kamen mir in einer Meditation nach so kurzer Zeit die Tränen. Ein besonderer, aber auch verwirrender Moment voller Verbundenheit zu einem Menschen, den ich nie zuvor getroffen hatte.

Gemeinsam die Ruhe genießen
Zu Dritt verweilten wir ein wenig in der großen Halle, genossen die Ruhe und beobachteten Gläubige. Nach einem weiteren Zwischenstopp im wunderschönen Tempel von Chom Thong und in einem Café zum Eistee fuhren mich die beiden kurzerhand raus aus der Stadt und den Berg hinauf zu Wat Phra Koet. Die jüngere Nonne brachte mich höchstpersönlich zu Phra Montri, auf dessen Tempelgelände ich für die nächsten Tage meditieren würde. Und auch meine kleine Kuti schaute sie sich genau an, um sicherzugehen, dass ich gut untergebracht bin. Ich hätte nicht dankbarer sein können.

Bei Phra Montri in Wat Phra Koet habe ich ein paar Tage lang meditiert und tägliche Dhamma Talks erlebt.
Bei Phra Montri in Wat Phra Koet habe ich ein paar Tage lang meditiert und tägliche Dhamma Talks erlebt.

Alles hat seine Zeit
Wenn ich auf meine Reise zurückschaue, kann ich sagen, dass dies eines meiner schönsten Reiseerlebnisse ist. „Du bist zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, hatte die jüngere Nonne mir versichert. Oft hat mich dieses Gefühl in den vergangenen Monaten begleitet. Wenn ich zurückdenke, welche Gegebenheiten mich insbesondere in Thailand von einem Ort zum nächsten geführt haben, von einem Menschen zum nächsten, von einem Erlebnis zum nächsten, von einer Lektion zur nächsten, dann weiß ich, dass es keine Zufälle geben kann.

Beim Abschied hat sich die jüngere Nonne meine Telefonnummer aufgeschrieben. Sie wolle sich bei mir melden, hatte sie gesagt. Bislang hat sie das nicht getan. Aber ich bin mir sicher, dass ich von ihr hören werde, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

 

Titelbild: Ein Foto zur Erinnerung durfte ich machen von den beiden liebenswerten Nonnen. Aber sie möchten ihre Gesichter nicht im Internet sehen. Das respektiere ich natürlich. 

Random Acts of Kindness – Freundlich sein, einfach nur so
Ich habe auf meinen Reisen zwei Dinge gelernt:
1. Oft geben diejenigen am meisten, die selbst am wenigsten haben.
2. Es gibt überall freundliche Menschen.
Hinter selbstlosem Handeln steht oft eine Geschichte. Sie verdient es, erzählt und gesammelt zu werden als Random Acts of Kindness.
Inspiriert von @TheKindnessGuy

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